Exponate SIM III → Künstler:innen
(Die Seitenangaben beziehen sich auf „Das Buch zu unseren Austellungen“ also den Katalog 2025, der als Printausgabe und (gekürzt) als PDF erhältlich ist. Das Inhaltsverzeichnis ist auf Seite 85 des Katalogs zu finden. Nr. = TNNR)
Seite in Arbeit !!!!
2WFNR5014Spätlese → Angelika Nocka (S. 85)

Es leuchtet der Fluss, darüber die Berge im vergehenden sich im Dunkel der Wälder verlierenden Lichts.
Verloren die Insel im Fluss.
Nacht an den Ufern – und im Taumel der Farben verschlungen der Rest der Welt.
Abendstimmung
Feurige Farben, Sonnenuntergang, alles wird aufgewühlt, bis mich der Fluss an die Hand nimmt. Mit Ruhe und Bedacht ziehen die kleinen Wellen weiter. Die Sonnenstrahlen lassen sich auf dem Wasser nieder, werden ruhiger und lassen nicht mehr los.
Ines Veauthier
Am längsten Tag des Jahres laufe ich barfuß über den warmen Stein und weiß, dass ab jetzt die Tage kürzer werden und dem Winter entgegen gehen. Aber noch scheint der ganz weit weg und außerdem wird auch er wieder einem Frühling weichen.
10WFNR5059Herbstlaub → Christine von Glyschinsky (S. 70)

Noch wärmt die Sonne zur Mittagszeit, doch die Randstunden der Tage werden kälter und das Licht schwächer. Die Natur greift noch einmal tief in ihren Tuschekasten. Sie streut goldenes Gelb, weiches Braun und flammendes Rot über Bäume und Reben.
Aber das wunderbare Schauspiel der Farben ist flüchtig und ehe wir es fassen können, trägt der Herbstwind die Pracht übers Land. Er verstreut sie in Ecken und Nischen und schickt kalten Regen, um die Farben wegzuspülen. Mit den kürzer werdenden Tagen kommen Frost und Schnee, bis der Frühlingswind den Reigen neu eröffnet.
Beate Bushnell
Goldene Momente
Herbstlaub, Raschellaub, der Wind kann es überallhin tragen. So golden und vergänglich wie jeder Augenblick.
Ines Veauthier
Der Rhein als Traumstrand, ein Ort am Strom, Hügelketten, Wald auf harten Schiefergestein stockend. Silbern leuchtet der Fluss in den herbstlichen Tag. Laub aufgehäuft am Ufersaum, letzter Farbensturm – der Winter naht.
Heute
Heute ist’s schön und heut’ zählt nur heut.
Denk‘ nicht an gestern und morgen ist weit.
Doch Wehmut entsteht,
weil die Zeit schnell vergeht
und man doch so manches bereut.
Herbstlaub Gelbbraune Blätter- manche auch schon ein bisschen rot – liegen wie gesät vor einer Ligusterhecke, auf der sich oben auch schon eine Blätterschar abgelagert hat. Dadurch kommt das Grün der Ligusterhecke noch deutlicher zum Vorschein. Der Blätterfall vom Himmel dauert an. Sie torkeln vereinzelt nach unten. Sie häufen sich am Boden – es ist eben Herbst und überall Blätterfall. Das Laubwerk auf der grünen Ligusterhecke lässt das Grün noch grüner erscheinen. Einige Blätter torkeln noch vom Himmel. Überall riecht es nach Herbst.
Der Blätterhaufen am Boden lockt Mensch und Tier gleichzeitig, sich in dem Dickicht zu verbergen, und wenn es auch nur ein Fuß ist, der im Herbstlaubhaufen verschwindet. Jedoch für ein Mäuschen ein wahrhafter vergnüglicher Unterschlupf. Was ist größer, die Lust den Fuß im Laubhaufen zu verstecken oder mit dem Fuß die trockenen Blätter hoch zu kicken vielleicht bis zur Ligusterhecke? Vereinzelt fallen immer noch Blätter vom trüben Himmel und lagern sich auf der Ligusterhecke ab.
Im Fluss in der Ferne verschwinden sie und treiben mit der Strömung zur Mündung. Was soll der Fluss auch anders machen als sie mitzunehmen?
Zwei Straßenarbeiter nähern sich dem Blätterwald mit Besen und Schubkarren.
„Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, alles voll mit diesem Blätterdreck.“ Sein Kumpel antwortet ihm: „ Ich weiß gar nicht, warum wir diese Blätterpracht auf dem Boden wegmachen sollen? Sie sieht so schön aus wie ein wunderbarer Teppich. Ich schlage vor, dass wir die Natur so lassen in ihrer herbstlichen Schönheit.“
„Bist du verrückt geworden? Wenn ein Fußgänger ausrutscht, hinfällt und das Bein bricht, willst du das verantworten? Außerdem sind wir angestellt, damit wir die Promenade von den Herbstblättern frei machen. Dafür werden wir bezahlt.“ Und missmutig fing er an, den Blätterteppich wegzumachen.
„Na gut, wenn du schon beginnst, den Zauber zu zerstören, bleibt mir nichts anderes übrig als mitzumachen.“ Und er hebt den Besen missmutig und beginnt zu fegen, obwohl ringsum die Blätter weiter torkeln. Es bleibt ihm die Hoffnung, dass sich der Blätterteppich bald wieder neu ausbreiten wird.
Astrid Dinges
10WFNR5066→ Christine von Glyschinsky (S. 70)

Gedankenmeer
Alle Gedanken wohnen im großen Gedankenmeer,
da schwimmen sie froh mit den Weltideen umher.
Kommt ein Gedanke zu mir,
entscheid‘ ich, bleibt er hier,
oder schick‘ ich ihn fort und entspanne mich mehr.
Ein Gespinst der Formen – im vielfachen Grün.
Zwischen den Fäden, verflochtene Zeit
Kieselgrund im unentwirrbaren Zauber.
Die reinste Zwickmühle! Ich sitze im Flugzeug, aber ich fühle mich so wie früher, wenn ich als Kind mit meinem Großvater Mühle spielen sollte. Völlig sinnlos, denn er war unschlagbar und ich saß in Nullkommanichts in einer Zwickmühle und wusste, natürlich habe ich mal wieder verloren. In mir breitet sich gerade genau dieses altbekannte Gefühl von Frust und Ärger aus, während meine Kollegin neben mir in Begeisterung ausbricht. Hat sie denn nicht den gleichen entsetzlichen Ausblick aus dem Fenster? Ich höre nur „Rheinromantik!“, „Burgen und Schlösser!“, „Malerische Weinberge!“, „Die sagenumwobene Loreley“, aber alles, was ich sehe, sind graue Schleier über grüner Tristesse. Marit ist immer so überpositiv und hat es irgendwie geschafft, mich davon zu überzeugen, drei Monate an diesem Projekt im Rheintal mitzuarbeiten. Ich nage an meiner Unterlippe, um nicht mit meinen Kommentaren herauszuplatzen. Insgeheim denke ich, naja, „überzeugen“ trifft es nicht so ganz, ich habe mich wohl doch eher überreden lassen. Überrollen lassen. Was sie gerade wieder versucht mit ihrem Redeschwall. Tatsächlich hatte ich mich auf die Zeit am romantischen Rhein gefreut und mir ausgemalt, wie ich die Wellen am Ufer plätschern höre und den Schiffern zuwinke. Wie ich am Strand entlangflaniere und an einem Vanilleeis schlecke, während ich die duftenden Weinreben und die Sommersonne genieße. Stattdessen wird mir regelrecht flau mit diesem ganzen Grau.
Marit schaut mich an – mir ist ganz unbehaglich – habe ich den letzten Kommentar jetzt doch laut herausgehauen? „Ist ja nett, dass du ‚flau‘ auf ‚grau‘ reimen willst, aber das klingt doch ganz verdächtig, als ob dir hier an der Gegend etwas gar nicht passt? Was ist denn los?“ Was soll ich sagen, das ist halt Marit O-Ton! Jetzt muss ich mich wohl auf ein – wie Marit immer mit gespitzten Lippen betont – „ernsthaftes Gespräch“ einstellen. Augen zu und durch! „Also schau halt mal aus dem Fenster hier“, platze ich wenig diplomatisch heraus. „Wo ist denn da die Rheinromantik? Oder überhaupt der Rhein? Nicht mal das kleinste Schiffchen ist hier, dem ich zuwinken könnte!“
Na gut, ich gebe zu, ich klinge wirklich eher wie ein Kind, das einen Flunsch zieht, aber muss sie mich deshalb so ruppig in die Seite stupsen? Ich bin jetzt sicherheitshalber lieber still, denn ich kenne sie schon ziemlich lange und weiß daher leider nur zu genau, wie sie tickt. Wenn sie merkt, wie genervt ich wirklich bin, prallt das nicht nur an ihr ab, das könnte man ja noch verstehen. Nein, dann läuft sie erst richtig zu Marit-Hochform auf und ich bekomme die geballte Ladung Sonnenschein ab, was mir echt zu grell ist. Für Marit ist das Glas nicht einfach nur halb voll, oh nein, mit so einem popeligen Optimismus hält sie sich gar nicht erst auf, das Glas enthält – mindestens! – den reinsten Wundertrank der ungeahnten Möglichkeiten.
Meistens hilft es, gar nicht richtig hinzuhören und nur zwischendurch ein bisschen „hmm“ zu brummen. Sie ist halt übereifrig, schafft es immer, irgendwelche Aufgaben an sich zu reißen und dann auch laut herauszuposaunen, wie beschäftigt sie ist und wie unersetzlich. Wenn sie wüsste! Rundum haben alle ihre Strategien entwickelt, um mit der „Marit-Manie“ klarzukommen. Von den Kollegen würde keiner sofort auf eine Rundmail antworten: Bevor wir uns damit befassen, warten wir doch erst einmal ab, ob Marit sich darauf stürzt, sonst gibt es nur Diskussionen. Wer einen fachlichen Rat braucht, wendet sich gezielt an die entsprechenden Kolleginnen und Kollegen, aber sicher nicht mit einem riesigen E-Mail-Verteiler.
Insgeheim kursiert der geflügelte Spruch „Marit ist immer und überall“, und einmal gab es einen Kollegen, der immer wieder mit ihr in Streit geriet. Er hatte weder Lust, sich unseren Strategien anzuschließen, noch wollte er davon abweichen, die geschätzte Kollegin bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit „Madame Unentbehrlich“ zu nennen. Unser Sonnenscheinchen fand das allerdings gar nicht beleidigend, sondern dachte, es ist ein Ehrentitel. Entsprechend fühlte sie sich auch noch darin bestärkt, diesen Namen richtig auszuleben! Irgendwann sah der Kollege ein, dass er gegen diese Vibes nicht ankommen würde, und kurz darauf wechselte er in eine andere Abteilung. Alle anderen haben sich längst arrangiert. Unser System funktioniert auf eine psychologisch wohl eher fragwürdige Weise, aber wir fühlen uns trotz allem als ein Team, und unsere Projekte können sich immer sehen lassen.
Apropos Projekt, meine Gedankensprünge bringen mich wieder an den Anfang zurück und damit zu unserem Einsatz am Rhein. Bisher habe ich gar nicht hinterfragt, wieso Marit sich überhaupt so vehement für dieses Projekt einsetzt und ausgerechnet mich mit an Bord haben will. Jetzt beginnt plötzlich ein Gedankenkarussell, das ich kaum steuern kann, und von dem mir richtig schwindlig wird. Wer erledigt denn nun im Büro die tausend Kleinigkeiten, an die außer Marit niemand denkt? Wie soll ich es eigentlich aushalten, drei Monate lang dem „Mar-Rhythmus“ ausgeliefert zu sein, ohne Kollegen und Büroumfeld als Puffer? Können mich die Loreley und ihr Zauber wirklich retten? Ich brauche sofort eine neue, unschlagbare Strategie, um diese Zeit einigermaßen glimpflich zu überleben!
Mit viel Willenskraft bringe ich mich dazu, tief durchzuatmen und meine Gedanken ganz auf den Rhein zu richten, so, wie ich mir alles im Vorfeld ausgemalt hatte. Langsam keimt eine Idee auf, und wer weiß, es könnte sein, sie kommt sogar von Vater Rhein persönlich: Das grüne Bild mit grauer Schleierdecke, das ich vor kurzem noch so abschreckend fand, ist in meinem neuen Szenario vielleicht genau das: einfach ein Bild! Eine bestimmte Sicht der Dinge, aber nicht die alleinige Wahrheit. Und ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte, also werde ich von jetzt an Skizzen und Gemälde finden und notfalls auch erfinden, die den Rhein mit Romantik und Schiffen und allem anderen einfangen. Auf diese Weise muss ich selbst gar nicht so viel reden (was bei Marit sowieso immer schwierig ist, denn sie lässt andere selten zu Wort kommen). Gleichzeitig kann ich eine neue Art der Wirklichkeit entstehen lassen, eine Welt, in der ich genau das machen kann, was ich mir ursprünglich ausgemalt hatte. Und das I-Tüpfelchen an diesem Plan ist schon automatisch mit enthalten – wenn nämlich Marit die Bilder ganz anders versteht, wird das kein Streitpunkt, sondern ganz im Gegenteil, das bereichert uns beide. Jeder kann die Kunstwerke auf die eigene Weise sehen, denn bekanntlich liegt die Schönheit im Auge des Betrachters, oder in diesem Fall im Auge der Betrachterin! Genial! Während ich diese Idee durchspiele, fühle ich mich plötzlich richtig wohlig warm und irgendein Knoten in mir scheint sich aufzulösen. Das war bestimmt das Frustgefühl von vorhin, das ich mit dem Mühlespiel und meinem Großvater verbinde. Und nochmal denke ich: „genial!“, denn genau genommen habe ich mit meiner Bilderidee die ultimative Gewinnerzwickmühle erfunden. Egal, welchen Zug die Mitspieler ausführen, hier kann jeder mit seiner Sicht der Dinge punkten und es gibt nur Gewinner! Und der Ausblick aus meinem Fenster ist schon das erste geniale Bild in meiner Sammlung!
Ines Veauthier
10WFNR5064Feindlichen Brüder im Winter_→ Christine von Glyschinsky (S. 70)

Häkelarbeit
Irgendjemand hat sich die Mühe gemacht, ein kleines, sehr akkurates Zackenmuster an den Felsen knapp über dem Rhein anzubringen.
Das weckt Erinnerungen an die Grundschulzeit, als die ganze Klasse mit Nadel und Faden und vielen Knoten kämpfte. Wären unsere Mausezähnchen nur annähernd so adrett geraten, hätte die Handarbeitslehrerin sicher nicht so viele graue Haare bekommen.
Ines Veauthier
In den Schiefer eingeätztes Licht.
Im Dunst zerronnen, Landschaft im harten Gestein.
Burgen grüßen vom Bergsporn
hinab in das Tal
als wollten sie sagen: es war einmal
Zwei Brüder, zwei Frauen und eine große Liebe. Treue, Freundschaft, Verrat – gemeißelt in Stein. Die Zeit reißt die Mauern ein. Der Schnee deckt zu, was übrigbleibt.
Beate Bushnell
Blühende Natur
Ja, wo ist sie denn nur?
Auf Wald und Flur
Von Grün keine Spur.
Na ja, es ist ja auch erst Februar…
Die Burgen …
Die Burgen sind im Bild kaum zu erkennen.
Was bleibt, ist der Berg.
Geschichte ist in der Landschaft verschwunden, Teil von ihr geworden.
Der Schnee wirkt wie eine Form der Mimese:
Er lässt Landschaft und Geschichte für einen Moment ineinander aufgehen
und verdeckt dabei selbst die letzten Spuren historischer Differenz.
Wenn der Schnee schmilzt, kehrt nicht die Geschichte zurück,
sondern ihre Uneindeutigkeit.
Rhein!Romantik? fragt, ob wir hier noch Geschichte sehen
oder nur den Wunsch, sie zu erkennen.
Ein anonym verfasster Kommentartext vom 10.01.26.
14WFNR5095Nahemündung am Binger Loch → Ekkehard Wulff (S. 76)

Schnee von gestern
Wunderschön! Ich könnte die Treppe hinabsteigen, schnell meine Ausrüstung überprüfen und den Flussbewohnern einen Besuch abstatten. Mich bis zur Insel treiben lassen und den plätschernden Wellen zuhören. Aber – aber – sagt die Vernunft – hast du die Berghänge hinter dem
Mäuseturm gesehen? Die Bäume sind kahl, und rundum liegt Schnee in der Luft!
Alles Gute kommt von unten, vom Grund des Flusses her. Wer gurgelt und gluckst denn im Wasser gleich an der Mauer? Wer schickt die schönen Luftblasen hoch? Wie Rauchzeichen, nur etwas nasser, soll ich sie enträtseln: Bleib hier am Ufer und schick deine Gedanken auf die Reise. Setz die rosarote Brille auf und lass‘ dich in den nächsten Sommer entführen. Schon ist alles, was dich an deinem Ausflug zu hindern scheint, nur Schnee von gestern.
Ines Veauthier
Ich stehe am Fluss und würde gerne etwas Geistreiches oder doch zumindest Romantisches sagen. Mir fällt aber gerade wirklich nichts ein. Es ist einfach nur schön hier.
Christiane Ulmer-Leahey
Raureif über den Wäldern
Winterliche Anmut am Strom.
Blass-grün die Fluten des Rheins
Lehm-schwer das Wasser der Nahe– doch im silbernen Licht sind sie eins.
Vorbei ziehen sie an der Insel im Fluss
ins Tal hinein.
Ehrenfels gibt ihnen das Geleit.
Zwei Wege treffen sich in der Dämmerung. Der Mäuseturm ist Zeuge in diesem ewigen Spiel der Natur. Der Kleine wird vom Großen verschluckt. Der trägt den Kleinen auf dem künftigen Weg mit sich und wird eins mit ihm. Gemeinsam schieben sich nach Norden.
Jedes Mal, wenn sich wieder ein Kleiner zu ihnen gesellt, wachsen sie an und gewinnen an Kraft und Größe, bis sie sich am Ende ihrer Reise in der Weite des Meeres verlieren.
Beate Bushnell
14WFNR5093Insel Idylle im Rhein → Ekkehard Wulff (S. 76)

Wer will denn eine Insel sein?
Wenn der Rhein dir Raum lässt, kannst du dich in deiner ganzen Schönheit entfalten: Deine Bäume spiegeln sich in den Wellen, und auf den Muschelbänken staksen Vögel umher. Die Buhnen halten die Wucht des Wassers ab und schenken dir eine Atempause.
Noch scheint die Sonne, aber du schaust schon mit Sorge in den Himmel. Wird der nächste Sturm den Regen bringen und dich überfluten? Gibt es wieder Landunter, bis der Sand verschwindet und die Bäume sich mühsam hochrecken? Was macht der Fluss aus dir? Bist du noch eine Insel, wenn der Rhein dich zu schlucken scheint?
Warten die Nixen schon darauf, ihr neues Reich gemütlich einzurichten? Kämpfs du dich Stück um Stück aus dem Wasser zurück und verkündest selbstbewusst: „Niemand ist eine Insel? Oh doch, schaut mich nur an, HIER bin ich!“
Ines Veauthier
Helles Licht, Schotterbahnen in die Brandung treibend,
vorbei an der Insel in Fluss.
Trügerische Idylle, auf Sand gebaut.
Soll der Sommer hochleben, die Tage sind gezählt.
14WFNR5097Rheinblick → Ekkehard Wulff (S. 76)

Herzblut
Seit Jahr und Tag halten wir die Wacht. In ewigem Verbund als Schicksalsgemeinschaft.
Gefragt wurden wir nicht, ob es überhaupt in unsere Lebensplanung passte. „Ich bin dann mal weg“, konnte auch niemand von uns sagen. Die einzige Möglichkeit,
dieser Verantwortung zu entkommen, wäre wohl wegzulaufen durch Zerbröseln und Zerrinnen. Aber dann müssten wir alle anderen im Stich lassen – wer will das schon? Nein, wir haben entschieden, wir halten zusammen und üben uns in Gelassenheit. Wir freuen uns auf jeden neuen Tag und nehmen ihn dankbar als Geschenk an. Naja, fast alle von uns sehen das so. Nur Charly, unser BFF, hat es satt, immer bloß fremdbestimmt zu sein. Wenn er seinem Zorn Luft macht, fangen hier die Wände an zu wackeln! Ganz besonders regt er sich seit einer Weile auf, denn seine Schokoladenseite wurde mit einem Tattoo verziert. An dieser Stelle juckt es ihn seitdem ganz unerträglich…
Ines Veauthier
Ausschnitt eines Augenblicks
ein Herz in den Stein geritzt
mit Namen verziert
lang, lang ist es her.
Monika-Katharina Böss
Ein Burgmauer-Limerick
Ist das vielleicht ein Versteck?
Da kann ich ja gar nicht weg!
Ich wollt doch so gerne
mit dem Schiff in die Ferne
und sitze jetzt fest hier im Dreck.
Christiane Ulmer-Leahey
Momentaufnahme.
Ein R(h)einblick, Einladung zum Innehalten.
Ein Blick auf das Treiben, eine Oase der Ruhe hinter Mauer und Gitter.
Kein Ufer-Gefängnis, ein Ort der Besinnung, für die kurze Rast vor der Weiterreise.
Rheinromantik in steinernen Herzen.
Zielhafen „Köln“, auf der Durchreise in den Felsen geritzt.
Ob „M & F“ für immer der Liebe verbunden bleiben?
Farbig der R(h)einblick, alles bleibt bunt im Fluss des Lebens.
Jeannette Anthes
14WFNR5099Ruine Ehrenfels und Bingen → Ekkehard Wulff (S. 76)

Erntedank
Verwunschene, lauschige Eckchen, eine herrliche Farbkomposition: die Trophäen, die man von der Jagd mit der Kamera mit heimbringen möchte. Ein paar vereinzelte Goldblättchen halten sich mühsam an den Zweigen fest.
Der Himmel schwankt zwischen Wolkenfront und Nebelfetzen. Aufbruch liegt in der Luft, Erntezeit, Weinlese, die Mühen des ganzen Jahres werden jetzt sichtbar und manchmal auch essbar. Die Stimmung einfangen, ganz ohne starre Raster die Leichtigkeit mitnehmen, die Freude an diesen Bildern mit anderen teilen: So fühlt sich Erntedank an! Ines Veauthier
Nebel über dem Fluss
und immergrün der Efeu rankt
In der Ferne krallt die Ruine sich in den Hang –
bald werden die Nebel weichen
über dem Fluss
15WFNR5119Poet am Fluss → Elfriede Müller-Gattermeier (S. 89)

Autopilot
Nichts ist mehr, wie es war. Nach außen funktioniert alles weiter, freundliches Lächeln, passendes Kopfnicken, die richtigen Worte. Nur noch Fassade. Der Kopf organisiert, dirigiert, kalibriert. Die Füße erledigen die Fußarbeit. Wie
soll jemals wieder richtiges Leben möglich sein? Das Innere zerrissen und verlöchert. Unaufhaltsam tropft das Herzblut, zu viel, zu verzweifelt. Es gibt keine Worte. Keine Gedanken. Keine Hoffnung. Nichts kann die Dunkelheit aufhalten. Mechanisch. Funktionieren. Notbetrieb.
Ines Veauthier
Wenn Du müde bist
Wenn Du müde bist, dann lass Dich geh’n
Lass dich ganz sanft in Arme fallen
Lass die Welt nach Hause gehen
Und die Gedanken auch
Wenn Du müde bist, erlös die Welt
Und lass auch ab von Dir und mir
Wart‘ bis der Schlaf Dich weich umfängt
Und geh‘ ins andre Land
Wenn Du müde bist, dann gräm‘ Dich nicht
Es gibt jetzt gar nichts mehr zu tun
Ich seh‘ dich und erkenn‘ Dich nicht
Und hoffe, es ist gut.
Landschaft in geometrische Formen gefasst, Kanten und Winkel perspektivisch angewandt. Ordnung im Spiel der Willkür.
Abstraktion sich auflösend im Wechsel der Farben
Strenge Miene zeigt der „Poet“ dazu.
Sagen wir, ihm liegt das Prosaische nicht so sehr.
15WFNR5024Rheingold → Elfriede Müller-Gattermeier (S. 89)

Bleiche Schattenwesen ziehen durch das Blau.
Golden der Kamm, golden die Muschel
im tiefen Grund.
Blattgold flimmert, Katzengold wimmert
in vom Sonnentanz verwöhnter Sphäre.
Bleiche Schattenwesen ziehen durch das Blau.
Irrlicht?
Von weitem kommt schon eine Ahnung auf: Am Ufer funkelt es wie Gold. Die kleinen Wellen werfen verlockende Spiegelbilder von mehr und immer noch mehr Glitzer.
Soll ich? Will ich? Kann ich?
So ganz alleine traue ich mich nicht! Wer will mit mir das Abenteuer suchen – und das sagenumwobene Rheingold finden? Sehe ich das nächste Lichtchen schon? Ist es nur eine Illusion? Ob mich ein Irrlicht in die Ferne lockt?
Ines Veauthier
22WFNR5070Durchsicht → Helmut Wagner (S. 72)

Wasserschimmer hinter lichtem Birkengehölz
Container beladen ziehen „Schleppkähne“ vorbei,
vielleicht kommt gleich noch ein endlos erscheinender Güterzug.
Es ist laut am und auf dem Strom.
Und in den Birken spielt der Wind.
Golddurchwirkt
Schon vor einer ganzen Weile mussten wir vom Sommer Abschied nehmen. Doch bevor er ging, raunte er uns eilig zu: „Niemals geht man so ganz!“
Inzwischen zeigt sich auch, was das bedeuten soll. Er tupft uns Gold in die Sicht und schenkt uns neue Durchblicke. Mag der Tag noch so grau sein, der Fluss trüb und traurig wirken, wir können durch die riesengroße Goldglitzerbrille die Welt ganz neu betrachten.
So wie der Hauch des Sommers draußen nachweht, wird unser Leben auch im Innern golddurchwirkt.
Ines Veauthier
22WFNR5069St. Goarshausen II → Helmut Wagner (S. 72)

Oh, wie schön ist es am Rhein!
Terrassen steigen hinauf zur „Katz“.
Stattliche Häuser die Rheinfront entlang –
und es „obsiegt“ die Baggerschaufel.
Himmelsstürmer
Am Berghang thront wie vielerorts eine trutzige Rheinburg. Damit ihre Bedeutung unbedingt ins Auge fällt, weist der historische Turm wie ein mahnender Zeigefinger auf die Höhenanlage hin. Daneben hält sich ein weiterer Himmelsstürmer sehr bescheiden zurück. Das akkurate Perlenmuster aus Schrauben und Muttern verleiht ihm einen eleganten Auftritt. Frei schwingen seine Ketten in den Himmel hinein.
Diese so unterschiedlichen Bauwerke schaffen es, gemeinsam zu einem soliden Dreiklang zu finden. Die Verbindung von Damals und Jetzt, von Form und Funktion, und schließlich auch von Tradition und Innovation wird an ihnen offenbar.
Ines Veauthier
22WFNR5075Nachbarn → Helmut Wagner (S. 72)

Dornröschen
Zugegeben, ein paar Jahre sind vergangen, seit ich in meinen Dornröschenschlaf versunken bin, aber so lange war es doch auch wieder nicht! Ich wache auf und muss feststellen, dass meine Burg umzingelt ist – lauter seltsame Apparaturen haben sich häuslich niedergelassen und scheinen die Erde aufzureißen. Bin ich in einer Zukunft aufgewacht, in der es keine Menschen mehr gibt?
In welcher Sprache kann ich mit diesen Maschinen überhaupt sprechen?
Ines Veauthier
Klaffende Wunden in den Felsen geschlagen.
Nahe dabei eine verschlammte Straße
führend in eine freudlose Realität.
Es scheint so, als wolle das Förderband
ein klein wenig die „Sooneck“, das alte Räubernest, ankratzen, es infizieren mit dem Geist einer anderen Zeit.
22WFNR5073Industrielandschaft → Helmut Wagner (S. 72)

Veilchen
Wellness ist für mich kein Fremdwort, denn auf ein gepflegtes Äußeres lege ich größten Wert. Meine Kurven sollen stets vorteilhaft in Szene gesetzt werden, weshalb ich am liebsten ein elegantes Outfit in dezenten Grüntönen
wähle. Aber so sehr ich mich auch um Fassung bemühe, bekomme ich doch immer wieder die sprichwörtliche Faust auf’s Auge zu spüren – mit roher Gewalt wird mein schönes Outfit zerrissen, wird meine Schönheit geschmäht und ich fühle mich völlig zertrampelt. Wären es nur hier und da ein paar blaue Flecken, ja, das würde verheilen, aber längst bleibt es nicht mehr bei einem Veilchen. Es fühlt sich an, als ob Messer und Maschinen auf mich einhacken.
Ines Veauthier
Wahre Bedürfnisse
Was wahre Bedürfnisse sind,
Das weiß schon das ganz kleine Kind.
Erst später dann
Fangt die Verwechslung an,
wenn Gier unser Leben bestimmt.
Förderbänder, Bagger- ocker-gelb die Farbe.
Grauwacken zerstoßen, zermalmt.
Geköpft ist der Berg.
Und dort, das Grün des Waldes
tief unten der Fluss.
Weinbergterrassen am jenseitigen Hang.
Romantik trifft auf Realität.
33WFNR5147Burg Rheinfels → Marlies Abele (S. 95)

VR-Brille
Von einer Welt in die andere tauchen – ohne Flaschen und Blei und alle anderen Gerätschaften, die Taucher benötigen – das ist eine verlockende Vorstellung! Wenn die bekannten Gebäude hier am Rhein ganz neue Formen annehmen, und die Farben nicht mehr den Naturgesetzen gehorchen müssen, dann erscheinen plötzlich auch
Gedanken denkbar, die nie möglich waren. Virtuell ist vielleicht sogar reell!
Ines Veauthier
Farbenrausch in geometrischer Formgebung
Streng gegliedert von absoluter Gegenständlichkeit.
„Burg Rheinfels“ im neuen Licht.
41WFNR5036Nur ein bißchen Licht_ → Walter Nussbaum (S. 74)

Viel Schatten, wenig Licht,
überbelichtet, ausgelöscht.
Schattierungen in magischen Linien
sich verlierend.
Das reale Boot scheint aus einer tiefen Finsternis zu kommen,
einen Mahlstrom hinter sich lassend.
Das rechte Maß
Mal ist es zu viel, dann wieder zu wenig. Verschwindet das Licht, dann verschwimmen die Konturen, bis irgendwann gar nichts mehr erkennbar ist. Gleißendes Licht kann im Gegenzug ebenso die Sicht vernebeln. Woran lässt sich erkennen, ob gerade das rechte Maß erreicht ist — und damit auch für den Betrachter ein realistisches Bild möglich wird?
Ines Veauthier
41WFNR5037Die letzte Fähre → Walter Nussbaum (S. 74)

Frau Angst und Herr Furcht
Frau Angst und Herr Furcht aus Früherland,
die waren mir lange nur zu gut bekannt.
Heut‘ sind sie nur ein Traum,
so flüchtig wie Schaum
und ich konnte fliegen, sobald ich das verstand.
Was mag es bedeuten?
Sommerblumen, Wellengang, vielleicht auch einen güldenen Kamm in der linken Hand? Möglicherweise sehen wir hier die Loreley auf dem Weg zum Einsatzort – aber genauso gut könnte sie auch lediglich darauf warten, dass ihr Hund das Stöckchen zurückbringt.
Ines Veauthier
„Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang.
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang….“
Der Anfang eines (satirischen) Gedichts von Heinrich Heine lässt ein wenig in die Stimmung treiben.
Ein junges Mädchen blickt über das Wasser hinweg in eine dunkle Nacht. Ratlosigkeit drückt ihre Körperhaltung aus.
Die Übergänge wechseln vom hellen Gelb des Uferstreifens ins blasse Blau des Wassers, aufschäumend die weiße Gischt, und dann in der Ferne die Schwärze der Nacht.
41WFNR5042Kontainerschiff mit Zug → Walter Nussbaum (S. 74)

Jetzt erst recht!
Mit schweren Lasten beladen, ausgebaggert, mit Ufermauern versehen – ihr gebt euch viel Mühe, mich „nutzbar“ zu machen, mich auf eine klare Funktion hin zu kanalisieren, alles nach euren Wünschen und Maßgaben. Aber ich bleibe trotzdem noch ich selbst! Schaut hin, in meinen Wellen spiegelt sich eure Containerfracht, völlig ohne euer Zutun und ohne eure Erlaubnis! Ines Veauthier
Wettfahrt im Tal. Es rast der Zug auf dem Bahndamm vorbei, gemächlich zieht ein Schlepper auf dem Rhein. Eine flüchtige Begegnung. Geschwindigkeit trifft auf Entschleunigung. Die verschwommene Silhouette des Zuges steht im Gegensatz zur detaillierten Darstellung des Schiffes und seiner Ladung.
Rheinromantik – Industrieromantik: Das eine ist ohne das andere nicht möglich. Um die Rheinromantik zu genießen, brauchen wir die Errungenschaften des Industriezeitalters. Unsere Vorfahren waren zu sehr mit dem Überleben beschäftigt, sie konnten die Romantik kaum genießen. Heute müssen wir aufpassen, dass unser Fortschritt die Romantik nicht vertreibt.
Beate Bushnell
41WFNR5043Kontainer Schiff (blau) → Walter Nussbaum (S. 74)

Glanz in unserer Hütte
Die Natur ist einfach unbändig schön! Mit all‘ unserer Technikgläubigkeit und Elektronikeuphorie können wir uns nicht davor verstecken, dass die Sonne, die sich im Fluss spiegelt, unser Herz aufhellt. Die Container mit ihrer Billigware machen sich daneben klein, um etwas weniger ins Auge zu springen. Welche Dinge schaffen es am Ende, Glück und Glanz in unser Heim zu bringen?
Ines Veauthier
Maßstabsgenau beladen, von kantiger Dimension, zieht der Schlepper über den Rhein. Längst hat die Containerfracht die Binnenschifffahrt erobert. In den kleinen Rheinhäfen dümpeln Sportboote und überwintern dort.
Im Kontrast zum lichten Spiel der Sonne über dem Wasser, wirkt das Blau der Container wie eine Brandmauer gegen den Fluss.
42WFNR5117Bild vom Nebel im Rheintal (1) → Irmela Heß (S. 90)

Am Scheideweg: Flussaufwärts die Heimat, flussabwärts die Freiheit. Flussaufwärts Sicherheit, Wärme, Geborgenheit, Stillstand. Flussabwärts Fremde, Fortschritt, Abenteuer, Risiko.
Beate Bushnell
Verhüllt
Es mag der Nebel durch das Rheintal wabern, in dichten Fetzen, die so undurchdringlich scheinen. Sind diese Schleier denn tatsächlich darauf aus, die klare Sicht zu verwehren? Oder sind sie unterwegs auf einer Mission, vom Fluss selbst ausgesandt?
Der Rhein und seine Verpackungskünstler, die das Altbekannte ganz neu vor Augen führen!
Ines Veauthier
Nebel im Rheintal
Ich ging spazieren und es war neblig. Da sah ich etwas und glaube mir, es war nicht ganz von dieser Welt.
Sonnengefunkel über den Bergen.
Im Nebel verharrend
verwehrt sich das Tal dem hellen Tag.
44WFNR5000Umspült (1) → Mechthilde Keuler (S. 81)

Widerständisches Hindernis, Wellen brechend, Gischt schäumend.
Es kräuseln die Fluten sich wirbelnd und strudelnd.
Ein wenig graust es vor dieser Kraft.
Verbündete
Vielleicht könnte es Uneinigkeit darüber geben, ob ich ein Teil vom Vater Rhein bin. Immerhin stehe ich mitten im Fluss und bin ganz tief in seinem Bett verankert. Dass ich nicht wirklich im Wasser lebe, ist nur ein oberflächliches Gegenargument. Für mich steht vielmehr fest: Wir sind exakte Gegenpole, und deshalb sind wir eng verbunden, aber niemals eins.
Der Rhein ist wechselhaft, launisch und unbezwingbar. Ich dagegen bin der Inbegriff der Berechenbarkeit, Geradlinigkeit, Zuverlässigkeit. Auf mich kann man bauen!
Ines Veauthier
60WFNR5052Bester Transportweg → Julian Witte (S. 77)

Gut genug
Du bist gut genug für diese Welt,
verantwortest nicht alles, was dir nicht gefällt.
Kein Baum und kein Stern fragt, „darf ich denn sein?“
Wir gehör‘n doch zusammen und sind nicht allein,
auch wenn wir uns fragen, „wer hat all das bestellt?“
Verschwiegen
Der Rhein trägt jede Ladung zuverlässig weiter, ob klein, ob groß, ob riesig so wie hier – und wenn das Kirchlein am Ufer plötzlich von Abenteuerlust gepackt wird, könnte es sich geschwind mitsamt seinem Turm und allen Häusern aus der Nachbarschaft in diesem Frachtgut verstecken. Wer weiß, wie lange es dauern würde, bis jemand die blinden Passagiere entdeckt… der Rhein würde ihr Geheimnis zu wahren wissen!
Ines Veauthier
Vorbei an verträumt am Ufer liegenden Städten zieht das Schiff mit schwerer Ladung zu Berg. Es ist dieses merkwürdige Absurdum, dass durch eine der schönsten Landschaften auch eine der wichtigsten Verkehrsadern Europas führt.
Das Mittelrhein war niemals an den „Rand der Welt“ gedrängt.
Eine kraftvolle Idylle, fern jeglicher Innerlichkeit. Himmel und Wasser verschmelzen in diesem Bild, das vordergründig von der imposanten Schiffsladung beherrscht wird.
Monika-Katharina Böss
Gut genug
Du bist gut genug für diese Welt,
verantwortest nicht alles, was dir nicht gefällt.
Kein Baum und kein Stern fragt, „darf ich denn sein?“
Wir gehör‘n doch zusammen und sind nicht allein,
auch wenn wir uns fragen, „wer hat all das bestellt?“
Christiane Ulmer-Leahey
72WFNR5012Zweifelhafte Rheinromantik → Schaette Mali (S. 83)

Farbenfroh
Im Moment scheint die Hoffnung den Ton anzugeben und beweist, dass sie sich nicht länger einsperren lassen will. Zusammen mit einigen Freunden hat sie sich heimlich selbstständig gemacht: Gemeinsam versuchen sie, ihrer
eigenen Inspiration zu folgen. Ist es der Rhein, der sie begleitet oder der Himmel oder könnte es auch einfach nur eine Spiegelung sein? Womöglich sind sie eins – als Bote für Weite und Freiheit?
Ines Veauthier
Quantenhüpfer
Zwischen Möglichkeit und Illusion
da liegen Quanten,
wir sprechen von Verwandten,
was macht das schon?
Zwischen Möglichkeit und Illusion
da liegen Welten,
die vielleicht ALLE gelten,
und was haben wir davon?
Der Versuch, einer Landschaft das Schöne abzugewinnen, sie zu bannen weit über den Augenblick hinaus. Beinahe ist es gelungen – wäre nicht der elende Zaun und der Abriss am Haus, wo schon in der Ferne die Berge abgetragen sind.
Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende – es kracht das Grün ins Bild, zerfasert sich in vielerlei Farbtöne und verdeckt so die Wunden, die nicht übersehbar mehr sind.
79WFNR5115Schwanengesang des Rheins (1) → Ievgeniia Albini (S. 87)

Eine romantische Symphonie von Reinheit und Licht. Elegisch erhebt sich auf der felsigen „Falkenau“ der „Pfalzgrafenstein“.
Eine melancholische Idylle, der Wirklichkeit entrückt.
Abschiedsmelodie – und die weißen Schwäne ziehen.
Flaschenpost für morgen
„Mein Etikett soll ein bisschen an die guten alten Zeiten erinnern und natürlich den Bezug zur Region zeigen. Die Kundschaft soll sofort überzeugt davon sein, dass wir hier alles Gute in die Flasche gefüllt haben. Und außerdem brauchen wir das Gefühl, dass mit jedem Schlückchen die Sonne scheint.“
Klare Ansage! Jetzt gilt es nur noch, die passende Illustration herbeizuzaubern, die Bildrechte für den Etikettendruck und die Werbung zu sichern, den Vertragsentwurf unterschriftsreif vorzubereiten. Ist schon so gut wie erledigt! Aber dann steht noch das Heikelste bevor: den Kunden für die Idee begeistern, und das, ohne ihn zu bedrängen. Vielleicht ein paar Vorschläge für Ausführung und Aufdruck zur Auswahl vorlegen:
∞ Das Etikett vom Flaschenhals her im Längsformat ansetzen und unter dem Bildrand schmal weiterführen, mit der Aufschrift „Immer im Fluss“.
∞ Ein Passepartout und die farblich passende Botschaft „Glück in Flaschen“ einfügen.
∞ Das Etikett rundum mit Briefmarkenzähnchen versehen und in der Ecke „Flaschenpost“ aufstempeln.
Hoffentlich trudeln die Ideen nicht nur an der Oberfläche wie ein schöner Kalenderspruch! Zugegeben, ein bisschen Überwindung ist nötig, ein kleiner Schritt in die Flaschenwelt, die Gedanken kurz loslassen. Dann ist es möglich, denn in jeder Hinsicht ist er offen, der Weg zurück ins Glück!
Ines Veauthier
Familienausflug.
Unberührt von Zeit und Geschehen,
eine Insel des Vertrauten.
Im engen Verbund der Passage der Zeit trotzen.
Reinheit und Licht,
Eleganz und Anmut,
das Gefieder,
ein zarter Gesang eint uns.
Tiefes Wissen auch über Untiefen bewahren.
Es bleibt die Schönheit des Augenblicks
im Wandel der Dinge.
Jeannette Anthes
79WFNR5101Vater Rhein → Ievgeniia Albini (S. 87)

Vater Rhein
Und du bist also Vater Rhein – und fließt seit vielen Jahren?
An deinen Ufern spielt das Kind – willst du vielleicht sein Papa sein,
um es mit Liebe vor Gefahr und wilden Fluten zu bewahren?
Von deinen Wellen sanft umspült, lacht es froh im Sonnenschein.
Da kommt die Frau – so stark und schön. Ihr wärt ein formidables Paar!
Du könntest ihr Gefährte sein, sie lieben voller Stolz und Kraft,
reiß‘ sie doch einfach mit dir fort – und ihr wird klar,
sie wird dich lieben, ewiglich – das haben andre nicht geschafft!
Die Greisin geht schon arg gebeugt und wärmt die wehen Glieder
bei dir im Abendsonnenschein. Sie streichelt deine Falten:
„Auch dich erwischt der Fluss der Zeit! Komm, lassen wir uns nieder
wir werden eins mit dieser Welt, wo andre Mächte walten.“
Da liegst Du in Deinem Bett. Gemütlich wird es Dir darin nicht sein, denn trotz Deines herrischen Blicks rauschen die Wogen durch Dein flatterndes Haar. Fangen hier und da ein Nixlein ein, von wegen Rheintöchter fein. Die hocken längst in Wagners Schnürboden drin. Und Du glaubst ein würdiger Flussgott zu sein!
Das kannst Du knicken.
Vater Rhein, schwimme weiter bis in das weite Meer, dort kannst Du mit Klabauterinnen tauchen gehen.
80WFNR5109William Turner am Rhein → Monika Baab (S. 90)

Was ist Wahrheit?
Die Wahrheit zu sagen ist oberste Pflicht,
doch die Tatsachen, die man heute so spricht,
war’n gestern noch Humbug,
sind morgen Betrug –
auf die Perspektive kommt’s an? – Das genügt mir nicht.
Christiane Ulmer-Leahay
Hurra! Es funkelt und sprüht.
Das Feuerwerk schießt seine Farben über den Rhein. Germania hält hoch eine dornige Krone, und zerfetzt ist ihr Schild. Müll hält sich versteckt am Ufersaum, und auf einem Felsen sitzet die schönste Jungfrau… Eine Laubgirlande hat den Bahnsteig entdeckt, wickelt die prosaische Ausstattung ein in den wilden Wein.
Klammheimlich hat sich eine Schattengestalt ins Bild gedrängt.
Ist es Turners Sehnsuchtsaura, die verschwiegen ihre romantische Innerlichkeit pflegt?
Hurra! Der Turner war da.
84WFNR5081Titellos → Furkan Saygin (S. 86)

Zwei Leute?
Wir zwei sind nicht zwei, sondern eins.
Doch ein Treffen gab’s zwischen uns keins.
Lass‘ uns Neid vergessen,
kein Ehrgeiz zerfressen,
und sieh – ein Geheimnis wird deins …
Abendschatten über dem Altrheinsee.
Im ruhigen Wasser, der Spiegel der Bäume.
Eulen hausen in aufgesprungenen Weiden.
Es scheint die Zeit still zu stehen – hier am „abgedrängten“ Strom.
Ein Damm führt durch den Auwald zum Leinpfad vor,
dort verblasst die Stille, die zauberische Einsamkeit.
Einladung.
Scheinbar unberührt und doch zweier Hände gleich miteinander verbunden.
Der Klang der Stille des Augenblicks, des ewigen Kreislaufs.
Das Abgestorbene schlägt die Brücke zum Blau des Lebens.
Die Passage durch das Dunkel des Abschieds führt hin zum Licht eines möglichen Neubeginns.
Zwei Holzboote laden zu neuen Wegen ein.
Verbleibt doch die Gewissheit auf die Weiterreise.
Jeannette Anthes
85WFNR5049Rheingold → Anne Engers (S. 93)

Rheingold im Sturm
Rheingold im Sturm, wild verwirbelt, das drängt sich völlig ungefragt in meinen Kopf, wie eine Inschrift. Schon zieht das Gold mich magisch an, und gerne will ich meinen Blick verankern. Doch schnell entzieht der Sturm mir meinen Blick, er reißt mich hin und her. Die schwarzen Schwaden drängen hoch, sie lösen sich vom Boden. Verbergen sie das Wasser nur? Sind gold’ne Funken noch zu spüren? Der Himmel scheint ihr Ziel zu sein, in dem sie sich verlier’n. Ein wenig Licht durchbricht das Grau und löst das Dunkel auf. Licht, Fluss und Gold verbinden sich, zieh’n mich in ihren Bann.
Kann ich ihm trauen, bleibt das Gold? Ich schaue hin und will’s doch nicht – ich will mich nicht verlier’n! Steh ich alleine hier, zerrissen und verzagt? Wer Gold im Rhein sucht, weiß doch schon, was die Legende sagt. Das Gold verführt, es spielt mit mir, es zieht mich auf den Grund.
Die kleinen Funken blitzen auf, sie können mich versteh’n! Ich schaue noch genauer hin, ein Fünkchen nur und doch ein Licht, so stark, dass es mich halten kann. Das Gold ist Licht, und Licht ist Gold, und das nicht nur im Bild. Den Funken gibt’s tief drin in mir, und wenn ich ihn entdecken will, dann hilft mir dieses Gold.
Ines Veauthier
Auf das Wahre, auf das Echte kommt es an! Doch halt, es gibt auch Sekt, der schmeckt fast so gut wie Champagner.
Verwobenes Raunen in Nebelfetzen.
Katzengold lagernd auf von Dunkelheit überladenen Blättern.
Es lockt und verlockt das Gold im unergründlichen Raum.
Doch – es haben sich die Elemente verschworen.
Kein Ring aus Salz schützt mich mehr.
86WFNR5087Loreley → Brigitte Düker (S. 84)

Haare …
Zu sehen sind nur die Haare. Der Mythos öffnet sich – löst sich von der Gestalt. Sie sind zu geordneten Wellen gekämmt, rhythmisch und gleichförmig. Haare bestimmen das Bild – keine Landschaft, kein Körper. Die Ordnung wirkt gesetzt, nicht gewachsen; sie weckt eine narrative Assoziation zum Mythos, ohne ihn auszuerzählen. Plan und Absicht werden lesbar, Gedanken reaktiviert, Sinn wird gesucht. Der Rhein erscheint erst später, nicht im Bild, sondern im Kopf des Betrachters: nicht als Spiegel, sondern als Gegenspieler dieser Bewegung. Rhein!Romantik? fragt, ob der Mythos hier noch erzählt wird – oder bewusst inszeniert ist. Ein anonym verfasster Kommentartext vom 11.01.26.
Wie Schlammfäden im Sand,
Formen in die Landschaft gepresst.
Ein Mythos entsteht aus Poesie.
So hat eine Schieferfelswand über dem Rhein
Gestalt angenommen.
Spurensuche.
Sichtbar das Weiß.
Eine ruhende Fläche.
Dein goldenes Haar, Loreley, verwischt in
Dämmerfarben.
Monika-Katharina Böss
Aus weißen Flammen.
Das ewige, wundersame Lied,
dringt es aus weißen Flammen.
Verwurzelt am mystischen Ort,
betörend ihr Gesang.
Verlockend ihr Ruf der Schönheit,
zerschellt der Traum am Schicksalsfelsen.
Drohend die Verdammnis,
davongetragen von den weißen Wellen.
Verbleibend die Spuren,
im weißen Relief der ewigen Erinnerung.
Jeannette Anthes
87WFNR5078Save the Nature_ Rhein → Prof. Dr. Michael Kastor (S. 94)

Das Energiefass
Du hast ein Fass voll Energie
Leerlaufen lassen darfst du das nie.
Lebensfreude füllt dein Fass immer auf.
Energiefresser gibt’s leider zuhauf –
Dreh‘ den Zapfhahn zu – aber wie?
Kontraste
Geradlinige Ausrichtung, klar voneinander abgegrenzte Farben, definierte Formen: Damit ist für Ordnungsfans das Paradies skizziert. Für andere fehlt darin alles, was lebenswert ist, wild, urwüchsig, unberechenbar – wie der Rhein in seiner Reinform.
Ines Veauthier
Sonnenstrahlen
leuchtende Gelbtöne werfend.
Marineblau löst helles Blau ab, um im spitzen Winkel ins zarte Grün überzugehen.
In allen Farben blüht es auf dunkel-grünen Untergrund.
Alles steht im Kontrast zum braunen Matsch der verramschten Erde, wo Flugzeuge, Fahrzeuge und Fabriken bis zur Unkenntlichkeit untergetaucht sind.
Eine scharfe Linie trennt Ideal und Realität.
Monika-Katharina Böss
89WFNR5154 Kopfsprung in den Rhein → Alice Schneider (S. 94)

Endlose Weiten
Die Welt steht still, kein Lüftchen regt sich ringsherum, und selbst der Rhein hält seinen Atem an. Nur sie allein ist in Bewegung, wagt einen Sprung hinein ins Blau. Kein Weltmeer könnte tiefer sein und
keine Brandung stärker wogen, da sie ihr Inneres befreit: In Stein gemeißelt war ihr Bild, an diesem Felsen hielt sie ihren Kamm – die starren Bilder wirft sie über Bord – lässt alles los, denn sie will leben!
Ines Veauthier
Kopfsprung vom Felsen in den Rhein. Das gelang wohl nur Brentanos Loreley. Die Dame im Bilde ist aus grobem Stoff, wie anders als die elegische Nixe Loreley.
Unter ihr, tiefblau der Fluss. Strudel. Untiefen. Wirbel verbergen sich – und am Ufer führen Schienenstrang und Straße vorbei.
Es muss ein gewaltiger Sprung schon sein.
Ein satter Sommertag
Ein Sommertag wunderbar satt,
den man so nur ab und zu hat.
Es glitzert der Fluss,
dass man weinen muss
und am Abend vom Sonnenbrand platt!
Für mein Alter habe ich zu viele Flausen im Kopf.
90WFNR5141Die Goethe → Gerlinde Wolf (S. 78)

Die Goethe
Ich wünsche mir ein Leben, von dem ich keinen Urlaub brauche.
Christiane Ulmer-Leahey
Ausflug in den „Märchenhain“. Es musste die „Goethe“ sein.
Stampfend näherte sich der Raddampfer dem Anlegersteg am Binger Rheinkai. Mit gewaltiger Kraft drehte sich das Schaufelrad.
In Niederheimbach wartete der „Gestiefelte Kater“ schon. Schmale Pfade führten durch das Märchenland bis hinauf
in den Wald. Ein Blick auf den Fluss, wo hinter dem Lorcher Weerth gerade die „Goethe“ verschwand.
Nostalgie im Abendsonnenglanz.
Das Schaufelrad dreht sich nicht mehr – und der Gasthof am Rhein mit seinem Märchenhain dämmert im Verfall dahin.
90WFNR5139Hochwasserstand → Gerlinde Wolf (S. 78) → Gerlinde Wolf (S. 78)

Hochwassermarken.
Hoch, höher, am Höchsten.
Ein Jahrhundert, eingerahmt in Pegelständen.
Der Rhein als unberechenbarer Geselle.
Leben am Fluss = Leben mit dem Fluss.
In helles Blau getaucht zeigen sich auf schwarzem Grund Hochwasserstände in Jahre gefasst.
Eine heimtückische Botschaft lauert darin.
Wasser kennt keine Grenzen. Lautlos breitet es sich aus, fließt durch jeden Spalt, in jeden Raum. Unheilvolle Kraft entwickelt es dort, wo sich Hindernisse auftun. Es reißt sie mit sich oder sammelt Kraft auf dem Weg dorthin, wo es keine Hindernisse gibt. Wasser gewinnt immer. Wenn wir es zu sehr zähmen wollen, nimmt es uns die Romantik.
Beate Bushnell
Zusammenhalt
Wer sich die Hochwassermarken anschaut, mag auf die Jahreszahlen blicken und sich viele Fragen stellen: Wie ist es den Menschen ergangen, die diese Wasserstände miterlebt haben? War die restliche Welt mit all ihren Problemen damals für sie ausgeblendet? Kann man dem Rhein noch unvoreingenommen begegnen, wenn man seine Extremseite erlebt hat? Ist es tröstlich, zu wissen, dass schon viele andere zuvor betroffen waren? Fühlt man sich als Schicksalsgemeinschaft?
Ines Veauthier
90WFNR5142Festung Ehrenbreitstein → Gerlinde Wolf (S. 78)

Es ist ein Glanz die Nacht durchdringend. Lichterspiel im Spiegel des Wassers, Felsspalten auffaltend in schroffes Gestein und im Schein der Lampen die Festung am Rhein.
Mauern in den Felsen geschlagen, tausend Jahre eingekerbt. Erwacht aus dem Dornröschenschlaf – und lang ist die Nacht. Monika-Katharina Böss
Hier und heute?
Einladend winken die Lichter von dort oben bis über den Rhein und zum Deutschen Eck hinüber. Egal, zu welcher Jahreszeit und unabhängig von „Rhein in Flammen“ oder anderen touristischen Veranstaltungen ist unbestreitbar: Diese beeindruckende Festung zieht Besucher sofort in ihren Bann. Unwillkürlich drängt sich die Frage auf, wie es wohl den Betrachtern in früheren Zeiten ergangen sein mag, wenn sie von hier aus auf den Ehrenbreitstein schauten. Plötzlich bekommt jedes Detail eine neue Bedeutung: In dieser Wirklichkeit ist zu erkennen, wie abweisend die schroffen Felsen sind und wie wehrhaft die Mauern wirken. Der eben noch einladende Anblick von Lichtern kehrt sich um in die Sorge, ob mit dem Licht nicht vielmehr Feuer und Gefahr verbunden wären?
Ines Veauthier
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Anmerkungen
Derzeit wird noch geschrieben, formuliert und präzisiert.
Ab Ende Dezember 2025 werden wir an dieser Stelle erstmals Texte und Beiträge veröffentlichen, die für die Vernissage von RHEIN!ROMANTIK? SIM III vorgesehen sind. Sie geben Einblick in Arbeitsstände, Denkansätze und Fragestellungen, die das Projekt in dieser Phase begleiten.
Wie alle bisherigen Module versteht sich auch RHEIN!ROMANTIK? weiterhin als offenes Projekt. Beteiligung ist nicht an eine feste Rolle gebunden: Sie kann unmittelbar erfolgen – durch eigene Beiträge oder durch die Mitarbeit in der Schreibwerkstatt – oder mittelbar, in Form von Kommentaren, Beobachtungen und Anmerkungen.
Diese Rückmeldungen sind kein Beiwerk, sondern Teil des Prozesses. Sie erweitern die Perspektive und halten das Projekt bewusst offen.
Vernissage: Sonntag, 25. Januar 2026 · 15:00 Uhr · Großer Saal, Simmern

4 Antworten zu “Schreibwerkstatt (Simmern)”
Notiz aus der Betrachtung
zu Feindliche Brüder im Winter – Christine von Glyschinsky (S. 70)
Die Burgen sind im Bild kaum zu erkennen.
Was bleibt, ist der Berg.
Geschichte ist in der Landschaft verschwunden, Teil von ihr geworden.
Der Schnee wirkt wie eine Form der Mimese:
Er lässt Landschaft und Geschichte für einen Moment ineinander aufgehen
und verdeckt dabei selbst die letzten Spuren historischer Differenz.
Wenn der Schnee schmilzt, kehrt nicht die Geschichte zurück,
sondern ihre Uneindeutigkeit.
Rhein!Romantik? fragt, ob wir hier noch Geschichte sehen
oder nur den Wunsch, sie zu erkennen.
Werk: 10WFNR5064 · Feindliche Brüder im Winter
Christine von Glyschinsky
Vielen Dank für die Beschreibung des Bildes der „Feindlichen Brüder“.
Es würde uns freuen, mehr von Ihnen zu erfahren. Vielleicht können Sie noch auf andere Bilder einen kleinen Text uns zusenden.
Mit freundlichen Grüßen
Monika Böss
Schön, Frau Boess, dass Ihnen mein kleiner Beitrag gefällt.
Haare Zu sehen sind nur die Haare. Der Mythos öffnet sich – löst sich von der Gestalt. Sie sind zu geordneten Wellen gekämmt, rhythmisch und gleichförmig. Haare bestimmen das Bild – keine Landschaft, kein Körper. Die Ordnung wirkt gesetzt, nicht gewachsen; sie weckt eine narrative Assoziation zum Mythos, ohne ihn auszuerzählen. Plan und Absicht werden lesbar, Gedanken reaktiviert, Sinn wird gesucht. Der Rhein erscheint erst später, nicht im Bild, sondern im Kopf des Betrachters: nicht als Spiegel, sondern als Gegenspieler dieser Bewegung. Rhein!Romantik? fragt, ob der Mythos hier noch erzählt wird – oder bewusst inszeniert ist. 86WFNR5087Loreley → Brigitte Düker (S. 84)
Gutem Morgen,
vielen Dank für Ihre Beschreibung des sehr speziellen Bildes.
Hat uns sehr gefallen.
In meiner eigenen Betrachtung ist mir eine ähnliche Beobachtungsebene begegnet.
Noch einen schönen Tag
Monika-Katharina Böss