Kultur & Geschichte: Mythen, Sagen


„Die Sieben Jungfrauen von Oberwesel“

Der Kerninhalt der „Sieben Jungfrauen“ ist schnell erzählt: Früh schon wurden die schönen Töchter des Herrn der Schönburg (Oberwesel) zu Waisen, und das scheint ihrer Entwicklung gar nicht gut bekommen zu sein. Anstatt sich unter den zahlreichen Bewerbern um ihre Hand einen Ehemann auszusuchen, spielten sie mit den Gefühlen der anreisenden Ritter und entzogen sich fortgesetzt ihrer Verheiratung. Zur Strafe für ihr renitentes Verhalten wurden sie in die sieben Felsspitzen verwandelt, die sich bei Niedrigwasser aus dem Rhein bei Oberwesel erheben.

Damit ist eine vielleicht sogar ziemlich alte Überlieferung umrissen, deren wichtigste Aufgabe darin zu bestehen schien, gleich zwei ungelöste Fragen zu beantworten: die Herkunft des Burgnamens Schönburg (die schönen Fräulein) und der Felsen im Rhein (die bestraften Fräulein). Erst im 19. Jahrhundert machten sich etliche Dichter und Schriftsteller über diese dürre „Ätiologie“ (Frage nach den Ursachen) her, um ihr ein romantisches, moralisierendes und später auch satirisches Gepräge zu verleihen. In einer frühen Gedichtfassung von Niklas Vogt (1811) ist es sogar die Muttergottes selbst, die sich der Bestrafung der Jungfrauen für ihr frivoles Spiel mit den Männern annimmt. In der Version von Adelheid von Stolterfoth (1835) hingegen sorgt die Nixenkönigin Lurley dafür, den Freitod eines verschmähten Ritters mit der Versteinerung der Jungfrauen zu ahnden.

Galt es in der Zeit der Romantik mehr oder weniger als ausgemacht, dass man als Frau nicht ungestraft gegen den Sittenkodex verstößt und die übliche Frauenrolle verweigert, so trat zuallererst Heinrich Heine (1845) dieser moralisierenden Deutung entgegen und veröffentlichte ein satirisches Gedicht über solch eine unmoralische Frau. Eine Pfalzgräfin namens Jutta hat sieben Ritter eigenhändig umgebracht, und dass die Leichen ihr nun im Sog ihres Kahns hinterherschwimmen, betrachtet sie als köstliches Amüsement. Andere satirische oder zumindest humoristische Deutungen des Typus der spröden Frau folgten, und die jüngste davon stammt von Margret Drees (2019), die wiederum direkt auf die Oberweseler Jungfrauen zurückgreift. Eine Nonne hat bei einem Kreuzworträtsel-Wettbewerb ein Wochenende im Hotel gewonnen, das sie mit sechs weiteren Schwestern – alle tauschen dafür ihren Habit gegen Zivilkleidung aus – ins Burghotel der Schönburg führt. Im Hotel stoßen die Frauen auf eine Freundesgruppe von Männern, die sich Sex mit ihnen versprechen. Die Nonnen aber reisen in aller Herrgottsfrühe ab, und so kommt es zu keiner weiteren Begegnung zwischen den Schwestern und den Freunden.

Diese Kurzgeschichte erscheint wie ein Modernisierungsversuch des Stoffes, indem sie sowohl das Recht auf Selbstbestimmung wie auch auf Moral auf Seiten der Frauen versammelt. Allerdings wirkt sie durch die Wahl einer doch sehr untypischen Frauengruppe eher halbherzig, als sei sie in Zeiten von „MeToo“ aus unserer eigenen Zeit gefallen. Überdies verschob sich bereits im 19. Jahrhundert das Interesse an den „Sieben Jungfrauen“ allmählich von der Moral auf die Praxis, denn schon damals dachte man in der Schifffahrt über eine Sprengung der Felsen nach. Umsonst: Auch heute noch befinden sich die Felsen im Rhein, und Denkmalschutz, Landschaftsbildschutz und Touristik werden ihren Fortbestand bis auf weiteres garantieren. Auf diese Widersprüche zwischen der alten Überlieferung, ihrer romantischen Bearbeitung und ihren verkehrstechnischen Aspekten nehmen die Bilder im Bestand von Rhein!Romantik? allerdings wenig Bezug. Sie bleiben vielmehr weitgehend im Bereich des Märchen- und Sagenhaften und betonen mal mehr den zauberischen, verwunschenen oder im Gegenteil den unheimlichen, düsteren Eindruck der Schönburg mit ihren „Sieben Jungfrauen“ im Rhein.

[SE]

Literatur:

Klaus Graf: Die Sieben Jungfrauen bei Oberwesel. Eine poetische Anthologie von Gedichten und Prosatexten zur Geschichte einer Rheinsage von 1811 bis 1928. In: Hansen-Blatt 64 (1999), Nr. 52, S. 61-72.

Margret Drees: Die sieben Jungfrauen. In: Dies., Die 7 Jungfrauen und das Traumwochenende. Alte Rheinsagen – in die Neuzeit versetzt. Simmern: Pandion Verlag 2019, S. 34-42.

Kultur & Geschichte

Architektur, Baukunst, Burgen, Denkmal, Dichter, Geschichte, Gott, Heimat, Heimatkunst, Jahrhundert, Loreley, Märchen, Mythen, Sagen, Schatz, Tradition, Vergangenheit

Oberwesel und die Schönburg sind als angedeutete Silhouetten im Hintergrund erkennbar.

Die Sieben Jungfrauen von Oberwesel

Das Werk trägt den Titel „Die Sieben Jungfrauen“ und verweist damit auf die bekannte Sage um die Töchter der Schönburg, die zur Strafe für ihre Unnahbarkeit in Felsen im Rhein verwandelt wurden. Links unten scheint ein solcher Fels im Wasser angedeutet, rechts erhebt sich ein abstrahiertes Profil – streng, verschlossen, fast maskenhaft.

Sieben jugendliche Frauenfiguren, fast schwerelos, scheinen sich von einer irdischen Welt zu lösen. In leichten, schwebenden Bewegungen verlassen sie ihr vertrautes Terrain.