
Laudatio zur Vernissage »RHEIN!ROMANTIK? en passant«
26. August 2026 · Burg Gutenfels zu Kaub
Verfasst und vorgetragen von Andreas Arz
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
es ist mir eine ganz große Freude, heute hier auf Burg Gutenfels zu Kaub einen Beitrag zur Eröffnung der Vernissage von »Rhein!Romantik? en passant« leisten zu dürfen.
Im April diesen Jahres wurde mir bereits die Möglichkeit gegeben, dieser wunderbaren Ausstellung Tribut zu zollen und sie mit einer Laudatio und zu preisen. Und so habe ich mit meinem Vortrag, der anscheinend vielen aus dem Herzen gesprochen und die ein oder andere Seele einen Tick berührt hat, mir die Möglichkeit geschaffen, ein weiteres Mal Teil dieser Ausstellung zu sein.
War mein letzter Vortrag noch ein Heimspiel in meiner Heimatstadt Lorch, so hat es mich heute hier zu Ihnen auf die Burg Gutenfels verschlagen, ein paar Kilometer weiter rheinabwärts, aber nichtsdestotrotz immer noch im historischen Freistaat Flaschenhals.
Mein erster Gedanke, als die Anfrage mich erreichte, noch einmal eine Laudatio auf die Rheinromantik zu halten, war: Oh, das könnte herausfordernd werden. Ich hatte mit den Zeilen meiner letzten Laudatio doch schon mein ganzes Herz ausgeschüttet und den Emotionen freien Lauf gelassen.
Doch die anfängliche Nervosität wurde schnell vertrieben von der Tatsache, dass unsere Region, unsere Historie, unsere gemeinsame Leidenschaft zur Romantik so viel mehr Nährboden bietet, als dass mir die Worte fehlen könnten.
Und so nahm ich Zettel und Stift zur Hand und begann, mich auf den Ort zu besinnen, an dem wir heute zusammengekommen sind, um ein weiteres Mal zu ergründen:
Was bedeutet die Rheinromantik? Was macht sie aus? Was füllt sie mit Leben? Woher nimmt sie diese unerschöpfliche Energie, um damals wie heute die Menschen nachhaltig zu begeistern sowie zu inspirieren?
Burg Gutenfels – vom Wehrbau zum romantischen Bild
Beginnen wir mit diesem Ort, Burg Gutenfels, im Jahr 1220 erbaut. Mächtig, imposant und stolz. Romantische Floskeln, aber hatte Burg Gutenfels, wie alle anderen Burgen zu dieser Zeit, tatsächlich diese romantische Ausstrahlung?
Was taten die Menschen auf diesen Burgen? Warum bauten sie Höhenburgen? Was war das Ziel? Was war der Grund?
Sicher nicht, um einem romantischen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Nein, sie dienten der Verteidigung, dem Schutz der Landesgrenzen, der Reichsgrenzen, der Erweiterung der Einflussnahme und natürlich der Erhebung von Zöllen auf dem Rhein.
Seit jeher sehen unsere Generationen die Burgen doch eher durch Kinderaugen, als Schauplätze, auf denen Könige residierten und ihre Geliebte im Zweifel aus den Fängen eines bösartigen Widersachers befreiten, um dann dorthin zurückzukehren, prunkvoll eine Ehe zu schließen und ein Leben voller Glückseligkeit auf einer solchen prachtvollen Höhenburg verbringen zu dürfen.
Eine verführerische Vorstellung, die doch in den größten Teilen der Geschichte, in denen es die Burgen gab, so nicht war.
Dies änderte sich jedoch. 1868 wurde mit der Mannheimer Akte der Rhein für zollfrei erklärt. Burgen dienten bereits seit vielen Jahren nicht mehr der Verteidigung. Diese Umstände veränderten alles fundamental.
Der Einzug der Rheinromantik
Schon in den Jahren zuvor begann der Einzug der Rheinromantik, in denen viele Kunstschaffende hier ihre Federn spitzten.
Wie ich es in meiner vergangenen Laudatio beschrieb, setzten sich Dichter wie Friedrich Hölderlin, Heinrich von Kleist und Johann Wolfgang von Goethe mit dem Rhein auseinander, ebenso die Dichterin Adelheid von Stolterfoth, die die Sagen und Legenden des Stroms aufgriff.
Clemens Brentano prägte mit seiner Ballade »Zu Bacharach am Rheine« den Loreley-Mythos, der später durch Heinrich Heines Gedicht »Die Loreley« weltbekannt wurde, vertont von Friedrich Silcher zu einer der bekanntesten Kompositionen dieser Zeit.
In der Malerei war es vor allem der Engländer William Turner, der mit seinen Rheinbildern wunderschöne Erinnerungen für die Ewigkeit schuf, während der Franzose Victor Hugo seine Eindrücke von seiner großen Rheinreise 1840 zwei Jahre später, 1842, in einer literarischen Liebeserklärung veröffentlichte.
Auch die Burgen erfuhren eine Renaissance. Man erkannte, eine Burg zu Verteidigungszwecken, nein, diese Zeiten sind vorbei. Rheinzölle dürfen wir nicht mehr erheben, so lassen wir sie zurück, lass sie verfallen.
Doch die Renaissance hielt jetzt Einzug, und die Romantisierung der Burgen schritt voran, sodass wir uns heute an ihrer alten Pracht in neuem Glanz erfreuen dürfen.
Der Blick auf Pfalzgrafenstein
Unten im Rhein, wenn wir hinunterblicken, sehen wir die Burg Pfalzgrafenstein, die sich ebenfalls tief in die Geschichte eingeschrieben hat, als eine Burg, die seit ihrer Erbauung die Zeiten ohne Zerstörung überdauerte und auch einen kleinen Teil ihrer Geschichte en passant für die Geschichtsbücher lieferte.
Der preußische Feldmarschall Blücher querte in der Neujahrsnacht 1813 auf 1814 mit seiner Schlesischen Armee über eine Pontonbrücke an ihr vorbei den Rhein, um Napoleon Bonaparte auf französischem Boden zu stellen.
Eineinhalb Jahre später, bei Waterloo, stand Blücher dann an der Seite von General Wellington, wo beide Feldherren Napoleon endgültig die Stirn boten.
Dies ist auch ein Teil der Geschichte, der in vielen Büchern sehr romantisiert wurde. Jedoch darf man nie vergessen, dass diese romantische Auffassung auch vielen Menschen das Leben kostete.
Und so wenden wir unseren Blick nun ab von der kriegerischen Geschichte rund um die heute romantisierten Burgen, hin zu der heutigen Ausstellung »Rhein!Romantik? en passant«.
Was bedeutet »en passant«?
Was bedeutet »en passant«? Aus dem Französischen übersetzt heißt es »im Vorbeigehen«.
Das erste Mal kam ich mit diesem Begriff beim Schachspielen in Kontakt, als ich in meinen ersten Zügen bei diesem Spiel meinem Kontrahenten gegenübersaß und er mir mit einem geschickten Zug »en passant« einen Bauern vom Felde nahm.
Ich möchte nun versuchen, »en passant« in meine Laudatio einzubetten, um zu verbinden, was die Kunstschaffenden fühlten, als sie an den Motiven vorbeigingen, die sie zu ihren Werken inspirierten, mit dem, was in den Menschen vorgeht, die diese Kunst im Nachhinein betrachten:
Was bewegt sie, wenn sie daran vorbeigehen, stehenbleiben und sich einfangen lassen von dem, was der Künstler in diesem Moment mit seinen künstlerischen Mitteln einzufangen versuchte und uns hier in Form dieser Kunst schenkt?
Resonanz
In meiner vergangenen Laudatio benannte ich dies als Resonanz, eine Energie, die tief von unserem Herzen ausgestrahlt wird und die einfängt, womit wir uns verbunden fühlen oder was uns fasziniert.
Diese Energie trifft im richtigen Moment, am richtigen Ort immer auf einen Gegenpol, welcher als Echo an uns zurückgeworfen wird und das die Kunstschaffenden daraufhin als Inspiration aufnehmen, um daraus Wundervolles zu erschaffen.
Die Kreation trifft anschließend auf den Betrachter, welcher entweder stehenbleibt, um sich, getrieben von seiner Resonanz zu diesem Werk, einfangen lässt, oder mit einem respektvollen Augenwink daran vorbeizieht.
An dieser Stelle möchte ich jetzt mit Ihnen tiefer in diese Materie eintauchen, ganz im Sinne einer Laudatio, die gemäß ihrem Zweck loben und preisen soll.
Schon beim Verfassen dieser Worte hat es in den ersten Zeilen bereits in meinen Händen gekribbelt, um ein gewisses Gefühl auszudrücken und dieses auch zu vermitteln. Ein Gefühl, das mich jedes Mal überwältigt, wenn ich an die Rheinromantik denke und darüber sinniere.
Es steht wohl außer Frage, dass Sie und ich eine tiefe Resonanz zu diesem Thema haben, sonst wären wir wohl heute nicht hier hoch zur Burg Gutenfels gekommen.
Ich bin sehr sicher, dass im Laufe meines Vortrages bei Ihnen Bilder im Kopf entstanden sind, wie ich beispielsweise den Burgherren erwähnte, der seine Geliebte vom bösen Widersacher rettete und mit ihr auf seine prunkvolle Burg zurückkehrte.
Als Blücher an Burg Pfalzgrafenstein vorbeizog, um mit einer Pontonbrücke den gewaltigen Kräften Vater Rheins zu trotzen, und somit seine Männer sicher auf die andere Seite zu führen.
Bilder, Gefühle, Sehnsüchte
Das ist es, was uns die Rheinromantik ständig als großes Geschenk bereitet.
Bilder, Gefühle, Sehnsüchte, diese werden in uns projiziert, in uns geweckt, mit Leben gefüllt. Sie versetzen uns in eine andere Welt, sei es eine moderne oder historische Form der Romantik, die uns aus dem Alltag entführt und in neue Sphären geleitet, in denen wir uns wohlig diesen Bildern hingeben können.
Schließen Sie die Augen, lauschen Sie den Geschichten, die diese Mauern erzählen, von allem, was sie über die Jahrhunderte gesehen und in sich aufgenommen haben.
Spüren Sie diese Spannung in der Luft, die wie ein magisches Energiefeld Ihren Körper erfüllt. Atmen Sie tief ein, lassen Sie die Luft durch Ihre Lungen fließen. Nehmen Sie den Duft wahr, den dieses alte Gemäuer versprüht.
Lassen Sie los, schweben Sie davon, von hier oben hinunter ins Rheintal.
Unten angekommen, lauschen Sie dem Strom des Rheines, führen Sie eine Hand ins Wasser, spüren Sie den kraftvollen Strom.
Und nun verraten Sie mir:
Was für Bilder entstehen gerade vor Ihrem inneren Auge? Was lösen sie aus? Was spüren Sie? Was empfinden Sie tief in Ihrem Inneren? An welchen Ort tragen Ihre Gedanken Sie gerade?
Ist es ein Ort der Sehnsucht, ein Ort der Inspiration, ein Ort zum Verweilen?
Welchen Ort Sie auch immer jetzt in diesem Moment besuchen, seien Sie sich bewusst: Dieser Ort ist ein Teil Ihrer selbst, der durch die Rheinromantik seinen Ausdruck findet.
Ein Platz im Herzen
Lassen Sie uns nun gemeinsam wieder nach oben schweben, ganz frei, unbeschwert, getrieben von Erfüllung, hier hoch zu Ihrem Platz in den alten Gemäuern der Burg, wo Ihr physischer Teil auf Sie wartet und gespannt ist, was Sie mitgebracht haben.
Nehmen Sie meine Worte mit, vielleicht gepaart mit einem guten Glas Wein, und erinnern Sie sich an diese nicht nur als eine Laudatio zum Lob und Preis der Rheinromantik, sondern als einen Appell, der Rheinromantik immer einen Platz in Ihrem Herzen bereitzuhalten, damit sie Ihnen in jeder Phase Ihres Lebens in unserer polaren Welt zuflüstern kann:
Ich bin hier, bin da für dich, um im richtigen Moment mit dir wieder auf eine Reise zu gehen, die uns erfüllt, bereichert und deine Seele strahlen lässt, die dich wie eine Fackel aus jeder Dunkelheit wieder in dein eigenes Licht führt.
Herzlich Willkommen in meiner und auch Ihrer Welt!
Andreas Arz
Burg Gutenfels, 26. August 2026
