
1959. Über den „großen Teich“ ist Ilse zu Besuch gekommen. Eine starke Blondine von Mitte Vierzig. Laut beschallt sie die gediegene Wohnstube ihrer Schwester Agnes, in der eine Gipsmadonna den Erker besetzt. Nach und nach finden sich weitere Verwandte ein. Ilses Bruder Karl, samt seiner gewichtigen Frau Therese und der Nichte Marion sind von Bingen rübergekommen. Von Oberheimbach runter hat sich das Evchen auf den Weg gemacht.
Später kommt Hildegard dazu. Ilse schließt sie in den Arm. „Ach, was en großes Mädche du schunn bisch!“
Hildegard staunt die Ilse an. „Kennsch de mich?“, fragt sie dann.
„Ei, jo!“
Weiter fragt Hildegard nicht. Wegen der Ilse hat es nämlich schon Krach zu Hause gegeben, weil der Vater sie gestern am Schiffanleger abgeholt hatte.
Ilse ist Mutters Cousine,
Die Mädchen halten es nicht lange in der engen Stube mit der lauten Ilse aus. Und neugierig auf ihre Geschichten sind sie auch nicht. Rüber ins Becker’sche Haus gehen sie.
„Un was macht en die Schnall driwwe bei de Agnes?“, will Hildegards Mutter gleich wissen.
„Babbele!“
„Un wo duud se wohne?“
„Im Nibelungenhort!“
„Do kann se dann gleich hoch in de Märchenhain renne un die Männer anschmachte!“
„Stehe do Männer rum?“, staunt Hildegard.
„Ach, du!“ Brummelnd zieht sich die Mutter zurück.
Dicke Luft herrscht im Becker’schen Haus. Richtig verstehen kann es Hildegard nicht.
Marion schlägt vor, die Puppen „einzurenken“. Hildegard sagt, das sei ein doofes Spiel. Ihrer Schildkrötpuppe fehle seitdem der linke Arm. Marion zuckt mit den Schultern. Sie ist etwas träge und auf keinem Fall will sie mit Hildegard über den Kuhweg durch den Burggraben hoch auf den Berg, wo vor dem Wald ein Süßkirchenbaum steht. Ein wenig trödeln sie sie dann am Bach entlang, bis ihnen eine fette Ratte in die Quere kommt.
Am Hühnerstall im Garten bessert der Vater den Maschendrahtzaun aus. Die Mutter redet auf ihn ein. „Jo, dann mach doch hin, Gerhard, das Luder wartet druff“
„Kath, hör uff! Morje is se wieder weg!“
Die Mädchen haben zugehört.
„Was hot dei Mudder nur gege die Tante Ilse?“
„Die glaabt, de Papa is verliebt in se, Marion!“
Marion schüttelt den Kopf. „Die Ilse will nur reiche Männer un dei Vader is en armer Schlucker!“
„He, was schwätzt en du!“
„Das hot mei Mudder gesagt!“
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In Agnes Stube führt Ilse weiter das große Wort. „Dei Riwwelkuche schmeckt, Agnes! Hosch de den selber gebacke?“
„Wer en sonst? De Heilige Geist?“
Ilse kichert – und redet schon weiter. Von ihrem Haus in Phoenix mit den zwei Garagen und dem Pool erzählt sie. Da steige sie gern hinein. Die Sommer seien ätzend heiß. Nebendran seien Seen mit Krokodilen drin.
Karl und Therese staunen sie an. Evchen lächelt und Agnes schweigt verbissen. Als Ilse eine Zigarette aus der Schachtel zieht und sich nach einem Aschenbecher umschaut, fordert Agnes sie auf, raus in den Garten zu gehen.
Ilse wuchtet sich aus der Sofatiefe und verlässt die Stube. Vom Gärtchen aus kann sie zwischen den Häusern spaltbreit den Rhein sehen. Es ist Anfang April und die „Weiße Flotte“ der KD Düsseldorf ist auf dem Fluss unterwegs.
Gerade als sie die Zigarette in der Vogeltränke ausdrückt, sieht sie unten im Pfad den Gerhard stehen. Rasch kehrt sie in die Stube zurück.
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So launisch es bei ihrer Schwester Agnes zugegangen war, so anders ist der Empfang im „Märchenhain“.
„Ilse, Bilse, jeder will se“, rezitiert der Künstler und tätschelt ihren Arm. Seine Söhne schauen staunend zu. Der Vater ist ein Charmeur und die Ilse eine Wuchtbrumme. Schade, dass sie mit dem Ami fortgelaufen ist.
Auf dem Plateau vom „Märchenhain“ spielt eine Kapelle beschwingte Walzermelodien. Ilse tanzt und tanzt. Schlange stehen die Kavaliere. Eine weltgewandte Dame ist sie. Die sesshafte Abstumpfung ihrer Verwandten erreicht sie nicht mehr. Eine starke Lebenssucht treibt sie an.
Auf ins Vergnügen. Wein und lockere Lebensart. Lichtbrühe und Traumgehäuse für Biedermänner.
Oh, wie schön ist es am Rhein…
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Um die Mittagsstunde am nächsten Tag wartet Ilse allein auf dem Bahnsteig auf ihren Zug, der sie nach Frankfurt und zum Flughafen bringen wird. Eine Sonnenbrille trägt sie. Zu viel Wein, zu wenig Schlaf. Wunderbar war der Ausflug in den „Märchenhain“ am Rhein.
Ach, sie war doch von Anfang an dabei.
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1910 kaufte ein Münsteraner Bildhauer das „Altenkirchener Haus“ an der Rheinchaussee und richtete sich darin eine Werkstatt ein, in der er Altäre, Kanzeln und Gestühle baute und renovierte. Eine Tätigkeit, die ihm auf Dauer wohl nicht genügte. Mehr Kunst anstatt Handwerk sollte es sein.
Die Idee mit der Gestaltung eines „Märchenhains“ nahm Gestalt an, als ein Erdrutsch im steilen Gelände hinter dem Haus ein Plateau entstehen ließ. Zur Verwunderung der Einheimischen ließ er alle Hangreben entfernen. Auf Unverständnis stieß er damit. Wurde doch jeder Fitzel Erde, und sei es noch ein so karges und steiles Fleckchen, genutzt. Man lebte vom Weinanbau auf kleinem Grund, und dass meist mehr schlecht als recht. Und dieser Kerl, dieser Künstler, machte alles platt.
„Märchendarstellungen“, so stellte es der Bildhauer dar, passten zu dem verwinkelten Ort, der sich gepresst an felsige Abhänge am Rheinufer entlang zieht.
Die Figuren-Gestaltung war konventionell angelegt. Einige kamen recht grobschlächtig daher, anderen war eine gewisse Kunstfertigkeit anzumerken. Die Schildkröte, die gar nicht zu den Märchen passen wollte, eher als Fußabtreter von den Besuchern gesehen wurde, weil sie so platt zwischen den Stein lag, blieb sein heimliches Lieblingswerk.
Es entstanden in kurzer Zeit sieben Märchenhäuser. Über das Gelände verstreut wirkten sie ansprechend anmutig. Viel Wert hatte der Künstler auf Details gelegt. So waren die einzelnen Häuser hübsch ausgestattet mit Uhren, tönernen Krügen, Bettwärmern, eisernen Herdplatten, Zinntellern, bronzenen Apothekenmörsern, geschnitzten Stühlen, Betten aus Eichenholz, schweren Truhen und einem barocken Himmelbett. Im „Knusperhäuschen“ gingen Hänsel und Gretel ein und aus, beim „Aschenbrödelhaus“ fielen die weißen Tauben auf.
1931 öffnete der „Märchenhain“ seine Pforten.
Die 17-jährige Ilse Kneil bediente in der Wirtschaft „Zum Märchenhain“ an der Rheinchaussee. Mit dem Beckersch Gerhard hatte sie sich verlobt. Als Hausdiener war er im „Märchenhain“ angestellt. Ilses Mutter hoffte, dass sie es nicht vermasseln würde, und dass das endlich aufhörte mit dem Polizisten, dem Weiberheld. Frau und Kind hatte er oben in Steeg.
Die Werbetrommel verstand der Künstler kräftig zu rühren. Es musste sein. Verschuldet hatte er sich für seinen Traum.
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Es ging voran mit dem „Märchenhain“. Ein Vergnügungsort der ganz anderen Art. Kunsthandwerk gefällig ausgestellt.
Doch es war dann kein Märchenmotiv, dass ihm und dem kleinen Ort am Rhein die große Bekanntheit beschert hatte. Ob es sich um ein Auftragswerk gehandelt habe, darüber schwieg sich der Künstler aus. Doch ohne Bedacht wird er nicht ans Werk gegangen sein. Jedenfalls wurde am Muttertag 1934 das „Mutterdenkmal“ eingeweiht.
Ganz im Sinne des NS-Mutterkultes stürzte sich die Propaganda darauf, was der Vermarktung des „Märchenhains“ gut bekam. „Kraft durch Freude“ karrte Gäste an den Rhein. Johlend stürmten sie den Hang, hockten sich ins Knusperhäuschen rein, klauten dem Frosch die goldene Kugel, setzten sich auf den Esel drauf oder küssten dem „Gestiefelten Kater“ die Nase.
Ein ausgelassenes Treiben herrschte am Rhein und im „Märchenhain“ stimmte die Kasse. Dem „Volkskörper“ widmete der Künstler sein Märchenimperium nun.
Ilse gehörte zum Inventar. Ein blondes Mädchen vom Rhein. Im Ort wurde geraunt, sie habe für das Dornröschen Modell gesessen. Ilse verneinte es. Sie habe nicht die Geduld dazu gehabt. Dem Polizisten, mit dem sie sich weiter heimlich traf, hätte es gefallen, wenn sie für das „Mutterdenkmal“ posiert hätte. Es hatte seine Mutter gerade das „Mutterkreuz“ erhalten.
Mit Kriegsbeginn brachen die „Geschäfte“ ein. Fronturlauber wandelten über die Terrassen, doch in deren Sinnen nisteten sich keine Märchengestalten mehr ein. Morgen konnte alles vorüber sein.
Ilse trennte sich von Gerhard. Mit dem Polizisten brach sie nach Frankfurt auf. Als Telefonistin arbeitete sie und er machte Karriere in der Partei.
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Der Krieg. Vorbei.
Er. Gefallen bei Berlin
Sie. Zurück an den Rhein? Vorübergehend
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Im Städtchen hatte man nicht gewartet auf sie. Ihr lumpiges Verhältnis mit einem verheirateten Mann hing ihr an. Bei einer Tante kam sie unter. Sie kümmerten sich zusammen um den kranken Onkel Hans, gingen in den kleinen Weinberg, wo sich Ilse die Finger am Draht zerriss. Im Steilhang schaffte sie. Havarierte Schiffe lagen unten im Fluss.
Im „Märchenhain“ waren die Schotten noch dicht. Doch gewerkelt wurde längst schon wieder.
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Für Ilse stand fest, in Sack und Asche würde sie nicht ewig gehen – und ganz gewiss nicht in ihrem Heimatort bleiben, wo ihr an jeder Ecke der Gerhard über den Weg lief.
Mit einer Gloria, die eigentlich Erna hieß, im Nibelungenhof wohnte, und Barfrau in einer Tanzbar in Wiesbaden war, freundete sie sich an. Über sie lernte sie den Chuck kennen. Fahrer war er bei der Armee für „very important people“. Er nahm sie mit nach Amerika.
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In den Fünfziger Jahre entwickelte sich der „Märchenhain“ wieder zum Besuchermagnet. Ein großer Saal wurde an die Gaststätte angebaut. Ganz nebenbei stieg der Bildhauer zum erfolgreichen Gastronomen auf – und es profitierte davon auch wieder der Ort.
Kegelclubs aus dem Ruhrgebiet fielen ein, Betriebsausflüge besetzten die Weinlaube mit Blick auf den Rhein, Busse luden Tagesgäste ab, und wenn der „rollende Weinkeller“ am Bahnhof anhielt, zog eine Musikkapelle den Gästen voran – rüber zum „Märchenhain“.
Immer wieder wollten welche das „Mutterdenkmal“ sehen.
Über zwei Jahrzehnte blühte das Leben am Rhein. Zwischendrin tauchte Ilse mit wechselnden Ehemännern auf. Meist waren es schwere, schweigsame Männer. Ilses Lebenslust steckte wohl nicht an.
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Mitte der neunziger Jahre kommt Ilse zum letzten Mal an den Rhein. Von den Verwandten trifft sie nur noch Hildegard an.
Hildegard staunt über die rüstige Fünfundachtzigjährige. Spritzig, witzig, wenn auch in der deutschen Sprache nicht mehr ganz zu Hause, sitzt sie bei Kaffee und Kuchen im Garten vom Becker’schen Haus.
Leider habe ihr Mann aus gesundheitlichen Gründen sie nicht begleiten können. Ihren Altersruhesitz hätten sie in Florida genommen, erzählte Ilse.
Unwillkürlich muss Hildegard an Agnes und Eva denken. In muffigen Altersheimen mit Mehr-Bett-Zimmern waren sie gestorben. Und diese Glücksritterin verprasste ihren Lebensabend in der Sonne Floridas.
änden„Du, Hildchen, kannst Du mich zum Märchenhain bringe? Will gucke, wen ich dort antreff!“
„Ilse, das geht nit mehr!“
„Weshalb, glaubst du ich komm die Treppe nit mehr hoch?“
„Nee, die hon doch alles verkaaft!“
„Was? Alles weg?“
„Jo, en halber Urwald is es und der Kaste unne am Rhoi verkimmt immer mehr!“
„Ach! Wie konnte das geschehen?“
„Zeiten ändern sich, Ilse!“
Ilse quält sich ein Lächeln ab. Ihre gestraffte Haut spannt sich zum Zerreißen.
„Schad drum!“, sagt sie dann.
„Es stehe awwer einige vun de Figure am Kuhweg un an paar annere Ecke im Ort!“
„Was haben sie da zu suchen?“
„Es war Rettung in letzter Minute!“
Plötzlich scheint Ilse ihren unverbesserlichen Optimus verloren zu haben, verletzlich wirkt sie auf einmal – und sehr alt. „Man soll mit der Zeit gehen!“, murmelt sie, „zurückschauen bringt doch nichts!“
„Ja“, erwidert Hildegard, „un wenn sie nicht gestorben sind…!“
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Mit dem Niedergang des „Märchenhains“ fiel der Ort wieder in die Bedeutungslosigkeit zurück. Der Zeitgeschmack hatte sich verändert. Freizeitparks werben mit Sensationen und Nervenkitzel, auch grölen Kegelclubs nicht mehr so oft am Rhein.
Doch Hildegard erinnert sich gern an das große Tor, von dem es über 128 Treppenstufen hinauf zu den Märchenhäusern ging. Auch das altersschwache Karussell fällt ihr ein.
Sie nimmt sich vor bald einmal wieder im Burggraben nach dem Dornröschen zu schauen.
Monika Böss
