RHEIN!ROMANTIK? beschäftigt sich seit 2021 mit dem Rhein als Landschaft, Lebensraum, Erinnerungsort und kultureller Projektionsfläche. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema findet nicht nur in Bildern statt. Auch Worte können Zugänge eröffnen, Fragen stellen, Erfahrungen vermitteln und neue Perspektiven sichtbar machen.
Deshalb versammelt dieses Kapitel Beiträge unterschiedlicher Art. Neben literarischen Texten aus unserer Schreibwerkstatt finden sich persönliche Erinnerungen, Beobachtungen und Gedanken von Menschen, die dem Rhein auf ganz unterschiedliche Weise begegnen. Manche nähern sich dem Fluss poetisch und suchend, andere beschreiben konkrete Erfahrungen aus ihrem Alltag oder ihrem beruflichen Umfeld. Wieder andere erzählen von Begegnungen, die ohne den Rhein vielleicht nie stattgefunden hätten.
Die Vielfalt dieses Kapitels entsteht aus den Beiträgen derjenigen, die bereit waren, ihre Sicht auf den Rhein mit uns zu teilen. Entstanden ist keine vollständige Sammlung, sondern ein Ausschnitt unterschiedlicher Erfahrungen, Erinnerungen und Gedanken.
Gerade darin liegt sein besonderer Wert. Die Texte verfolgen weder ein gemeinsames literarisches Programm noch einen wissenschaftlichen Anspruch. Sie müssen nicht derselben Meinung sein und führen nicht zu einer gemeinsamen Schlussfolgerung. Vielmehr ergänzen sie sich zu einem vielstimmigen Bild des Rheins, das ebenso offen bleibt wie die Fragen, die RHEIN!ROMANTIK? seit Beginn begleiten.
So entsteht neben den Fotografien, Gemälden, Skulpturen und Objektarbeiten eine weitere Ebene der Annäherung. Die Bilder zeigen, was sichtbar ist. Die Texte erzählen von dem, was Menschen darin sehen, erinnern oder suchen. Gemeinsam bilden sie einen weiteren Baustein jener fortlaufenden Auseinandersetzung mit dem Rhein, die das Projekt bis zum BUGA-Jahr 2029 begleitet.
Aus unserer Werkstatt 2027
Nicht jeder Beitrag dieses Kapitels beschäftigt sich unmittelbar mit dem Rhein. Unter der Überschrift „Aus unserer Werkstatt“ geben Beteiligte von RHEIN!ROMANTIK? Einblick in ihre künstlerische Haltung, ihre Arbeitsweise und die Entstehung ihrer Werke.
Jutta Zibilla Beitrag führt dabei bewusst vom eigentlichen Thema des Projekts weg und zugleich in dessen künstlerisches Umfeld hinein. Sie beschreibt, wie Fundstücke, persönliche Erfahrungen und die Freude am Bewahren zu Bestandteilen ihres Schaffens werden. Ihr Text erklärt weniger ihre Sicht auf den Rhein als vielmehr den Weg, auf dem aus scheinbar Wertlosem etwas Neues entsteht.
Jutta Zibilla
Der Ausspruch“Ist das Kunst oder kann das weg“, bekannt im Zusammenhang mit Joseph Beuys, beschäftigte mich lange Zeit meines kreativen Schaffens. Irgendwann machte ich mir den Spruch zu eigen, der zu meinem Leitmotiv wurde.
Kann das Kunst oder ist das Weg ? Es ist mein Weg.
Vom Fundstück zur Skulptur ist ein kreativer Prozess. Lebenskunst kommt mir in den Sinn und entspricht meinem Lebensweg:
Allein wichtig geworden ist für mich das Leben “zu leben, wie das Leben eben ist“, Herausforderungen annehmen zu wollen, Veränderungen zulassen zu können und dabei bereit zu sein zu wachsen und innerlich groß zu werden.
Anders als es für Sammler und Jäger früher lebensnotwendig war, empfinde ich heute mein unbekümmertes Sammeln als puren Luxus. Vieles liegt mir zu Füßen. Mit neugierigem Blick streife ich durch die Natur zuhause und auf Reisen. In Griechenland nahm meine Leidenschaft ihren Anfang. Vier typische griechische Holzstühle lagen auf unserem Weg am Straßenrand im Gebüsch. Sie hatten ausgedient, wurden achtlos weggeworfen. Sie sprachen wie beseelte Wesen von gebrochenen Rücken-Lehnen, abgesägten Stuhl-Beinen und mehr oder weniger zerschlissenem Binsen-Geflecht. Ich stellte sie auf, aneinander, zueinander, sodass sie sich gegenseitig stützten, schoss ein Foto und ließ diese “Installation auf der Straße“ am Wegesrand zurück. Wir fuhren weiter auf Griechenlands Straßen und kamen vorbei an wilden Müllplätzen mit scheinbar nutzlosem Zeug. Ein weiterer Sammelplatz bot sich am Meer. Je nach Jahreszeit lag da angeschwemmtes Treibholz, nach den Herbststürmen gerissenes Wurzelwerk zur freien Verfügung. Die Naturist mir Inspiration und Spielwiese. Meine Erinnerung an Volkslieder, Kinderlieder sowie Texte von Dichtern und Denkern begleiten mein Arbeiten. Wie der Plunderplager aus dem geichnamigen Kinderbuch fand ich in dem Müll kaputte, wertlose Blechkanister, Fensterrahmen, Klappläden und die ursprünglichen Tavernenstühle. Dieser Plunder, dieses “unnütze Zeug“, wurde Grundstock meiner Arbeiten. Mit vereinten Kräften von Ideen und Phantasie wurden diese Fundstücke zu wundervollen Werkstücken.
Die Begriffe Skulptur, Plastik, Objekt für meine Arbeiten zu verwenden, fällt mir schwer. Handwerk, Handarbeit wie auch Arbeiten im Haushalt sind mir über Generationen vertraute Arbeitsweisen und beinhalten ganz viel Kreativität. Es ist mir ein Anliegen Altes zu bewahren. Ich empfinde Genugtuung, wenn es mir gelingt ein beliebiges Stück so in Szene zu setzen, dass aus ihm möglicherweise ein neuer sinnstiftender Gegenstand, ein Kunstwerk, entsteht. Ich habe Spaß am Spiel und Freude am Experimentieren. Ich bin begeistert, wenn ich in dem scheinbar Sinnlosen das Neue entdecke, wobei die Schönheit im Auge des Betrachters liegt.
Mir bleibt die Freude am Gestalten und damit die heilsame Wirkung von Kunst.
