Laudatorin: Prof. Dr. Susanne Enderwitz


Ankündigung (für Ausstellung 25.5.24)

Im Liebesverhältnis zwischen Rhein und Romantik erfüllte der Rhein den attraktiven und die Romantik den aktiven Part. Dabei wandte sich die Romantik der Natur und Geschichte des Rheins zu, betrachtete sich aber als Gegenmodell zur Klassik und schärfte am Rhein ihre eigene Ästhetik: In der Malerei übertrieb sie seine Schroff- und Wildheit, in der Literatur pries sie seine Volkstümlichkeit, in der Dichtung fügte sie ihn in die Mär- und Sagenwelt ein, in der Musik verankerte sie ihn in der Tiefe des Mythos, und in der Architektur baute sie seine Burgruinen wieder auf und um. In einer mensch-menschlichen Beziehung hätte eine dermaßen idealisierte Person vermutlich die Beine unter die Arme genommen, um ihre Autonomie wiederzugewinnen, aber der Rhein nahm die Romantik mit stoischem Gleichmut hin. Tatsächlich sollte ihm mit seiner Begradigung, der Industrialisierung und dem Massentourismus auch noch weit Schlimmeres blühen.

Stattdessen war es die Romantik, die mit der Entwicklung ihrer antiklassischen Ästhetik die Beine unter die Arme nahm und mit ihren Imaginationen einer intakten Natur- und Kulturlandschaft versuchte, Autonomie zurückzugewinnen. Die Romantiker litten mindestens genauso an ihrer Gegenwart wie wir Heutigen an unserer, und vielleicht ist das sogar das stärkste Band, das uns mit der Romantik verbindet und ihre Aktualität ausmacht. Weil sie ihre eigene – durch Krieg bedrohte, in Kleinstaaterei gefesselte, Repressionen ausgesetzte – Gegenwart so schlecht vertrug, vertäute die Romantik ihre neue Gegenwartsästhetik gleich an zwei starken Pfeilern, einmal an der Vergangenheit und einmal an der Ferne. Die Vergangenheit, die zeitliche Dimension, das war das Rittertum, die Feste und die Volkstraditionen am Rhein, und die Ferne, der räumliche Ausgriff, das waren die Paläste, die Pracht und die Magie des Orients.

In der Rhein- und der Orientromantik sehe ich die beiden Pole, zwischen denen sich die Romantik bewegte und die aus demselben Impuls stammten: „Bloß weg hier!“ Beide, Rhein- und Orientromantik, waren Konstrukte „im Geiste“, Ausbrüche aus der Wirklichkeit in die Imagination, die Erschaffung von Gegenwelten, die einander bedingten, ergänzten und bereicherten. Vielleicht kann man den Impuls der „Wirklichkeitsvermeidung“ an der Orientromantik sogar noch besser studieren als an der Rheinromantik. Bei der Rheinromantik neigen wir Deutschen dazu, den historischen Rhein immer wieder mit Bildern des romantischen Rhein zu überlagern. Der Orientromantik hingegen fehlte die unmittelbare Anschauung, denn im Unterschied zu Engländern und Franzosen reisten die Deutschen wenig. Weil die Orientromantik eine reine Kopfgeburt aus Literatur, Malerei und Reisebericht war, tritt ihr erfundener Charakter umso deutlicher hervor.

Wenn ich in meiner Laudatio diesen Gedanken weiterverfolge, so versuche ich damit, eine Brücke zwischen unserer Ausstellung zu schlagen, die sich dem Gedanken an die Rheinromantik verpflichtet fühlt, und der Bauchtanzdarbietung, in der noch ein Widerhall der Orientromantik mitschwingt.

Susanne Enderwitz


4 Antworten zu “Laudatorin: Prof. Dr. Susanne Enderwitz”

  1. Das „Liebesverhältnis“ zwischen „Rhein“ und „Romantik“ 😊 Wenn den Schiffer im kleinen Schiffe das wilde Weh ergreift und ihn das faustische Schicksal ereilt – Zitat: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan“ – dann nenne ich das mal echte Realo-Romantik, ja, denn das archaische Leben der Schiffer endete nun mal oft in reißender Strömung, keinesfalls im ruhigen Strom. Wenn der weinselige Tourist in der Drosselgasse schunkelt – „Wie ist es am Rhein so schön! – ist Romantik lächerlich. Wenn der Rhein-Anlieger in der teuersten Villa am Platz nicht mehr auf dem Balkon sitzen, nicht mehr dem sanften Lauf des Stroms der Schwere lauschen kann, weil der Bahnlärm zu laut und die Luft zu dick ist – ist es „Fortschritt“. Trotzdem bleibt eine Sehnsucht nach der Schönheit des Tals, in dessen Schiefergestein sich einstmals ein paar mutige und bescheidene Rebenbauern auf winzigen Parzellen abgeplagt haben. Selbst, wenn diese Schönheit mittlerweile morbide geworden ist. Wie sagte Hermann Biber anno 2019 auf dem RLP-Kulturfestival der ABW zum Thema „Heimat/en“: Ich habe den Blues als Kind im Weinberg am Rhein glernt!“ https://www.biber-herrmann.de/

  2. Liebe Leona,

    Dein Kommentar zum Beitrag von Prof. Dr. Susanne Enderwitz hat mich irritiert. Während der Beitrag unserer Laudatorin die Beziehung zwischen Rhein und Romantik aus einer kulturellen und historischen Perspektive betrachtet, scheinst Du ganz andere Themen anzusprechen.

    Du redest von Schiffern, Touristen und der Veränderung des Rheintals, aber ich sehe keinen klaren Bezug zu den Themen, die Frau Enderwitz behandelt hat. Es wäre hilfreich, wenn Du erklären könntest, wie Dein Kommentar sich auf den ursprünglichen Beitrag bezieht, oder ob Du vielleicht einen anderen Aspekt hervorheben wolltest. Möglicherweise ist aber auch die Zuordnung als Kommentar falsch und Du wolltest eigentlich einen eigenständigen Kommentar zum Thema RHEIN!ROMANTIK? verfassen.
    LG Walter

  3. Liebe Frau Enderwitz,

    Ihr Beitrag zur Beziehung zwischen Rhein und Romantik hat mich beeindruckt. Die Art und Weise, wie Sie die idealisierten Darstellungen des Rheins in Kunst und Literatur mit der realen Geschichte und Kultur verknüpfen, ist sowohl aufschlussreich als auch inspirierend. Es regt zum Nachdenken an, wie diese romantischen Bilder unsere Wahrnehmung des Rheins bis heute prägen. Vielen Dank für diese interessante Perspektive! Wir sind gespannt auf Ihre Rede in St. Goarshausen.

  4. Eine Laudatio ist eine ehrende Rede für einen bestimmten Anlass.
    Der Laudator / die Laudatorin hält diese Rede aus der persönlichen Sicht, die sich eben von anderen Sichtweisen abgrenzen darf und soll.
    Von daher ist es nicht angezeigt, einer Laudatio mit einer anderweitigen persönlichen Sicht förmlich zu entgegnen.

    Es ist nicht ersichtlich, ob der Kommentar vom 10.8. eine solche Entgegnung zur Laudatio oder eine isolierte Standpunktdarstellung ist.

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