
„RHEIN-ROMANTIK? en passant: Einblicke in die Sammlung“
Diese „Mini-Ausstellung“ präsentiert eine konzentrierte Auswahl an Werken, die einen kleinen, aber repräsentativen Einblick in die Vielfalt unserer umfangreichen Sammlung ermöglicht. Sie ergänzt unser bestehendes Konzept und lädt dazu ein, die Essenz des Themas aus einer neuen Perspektive zu entdecken. Aufgrund der Vielzahl an Teilnehmenden können nicht alle vertreten sein – doch gerade in der Begrenzung liegt die Chance, ausgewählte Facetten besonders hervorzuheben.
Auswahlkriterien
Die Auswahl der Werke erfolgt primär anhand des Seitenverhältnisses, um eine optimale Präsentation auf den Bildträgern zu gewährleisten. Erst danach werden weitere Kriterien berücksichtigt.
Kompaktausstellung
Unser flexibles Format erlaubt es uns, zumindest die Essenz unserer Sammlung auch an Orten zu präsentieren, die bisher aufgrund begrenzter Fläche von uns ungenutzt blieben. So verbinden wir künstlerische Vielfalt mit besonderem Ambiente und bringen unsere Vision auf innovative und zugängliche Weise direkt zu den Menschen.
Unsere Mini-Ausstellungen sind aus einem Mangel heraus entstanden – dem Mangel an ausreichend großen Ausstellungsflächen. Doch gerade die kleineren, oft verborgenen Orte mit ihrem Charme wollten wir nicht außer Acht lassen. Sie ziehen mit ihrem einzigartigen Ambiente die Aufmerksamkeit auf sich, sowohl nach innen als auch nach außen, und bieten auch unseren Literaturschaffenden eine besondere Bühne. Was bei Ausstellungen oft als Nachteil empfunden wird – begrenzter Raum – kann bei Lesungen eine intime und einladende Atmosphäre schaffen.
Romantische Schlösser, majestätische Burgen und andere geschichtsträchtige Orte voller Charme sind weit mehr als stimmungsvolle Kulissen. Sie werden zu lebendigen Schauplätzen, auf denen literarische Werke ein breit gefächertes Publikum begeistern können.
Doch nicht nur die Autorinnen und Autoren profitieren von diesem Konzept. Unsere begleitenden Bilder fügen sich quasi en passant in die Szenerie ein und schaffen ein dezentes, aber wirkungsvolles RHEIN?ROMANTIK?-Ambiente. Diese visuelle „Verpackung“ bereichert das Erlebnis, zieht die Aufmerksamkeit auf sich und weckt schon im Vorübergehen Neugier auf mehr.
Organisatorische Details
- Keine Aufsichtspflicht: Die Ausstellung wird ohne Beaufsichtigung durchgeführt.
- Staffeleien möglich: Wir können alle 10 A1 Alu-Dibond Bilder auch auf Staffeleien präsentieren, was den Aufwand beim Aufhängen reduziert. Zusätzlich gibt es zwei Aufsteller mit Informationen zur Ausstellung.
- Verzicht auf Vernissage: Es wird keine offizielle Eröffnungsveranstaltung durch R!R? geben. R!R? verzichtet bewusst auf eine eigene Vernissage, überlässt es aber selbstverständlich dem jeweiligen Gastgeber, in eigener Regie eine nicht öffentliche oder öffentliche Eröffnungsveranstaltung durchzuführen. In diesem Fall sind alle beteiligten RHEIN!ROMANTIK? en passant-Künstler:innen gehalten, nach Möglichkeit persönlich anwesend zu sein. Selbstverständlich sind – wie immer – auch alle weiteren R!R?-Teilnehmer:innen herzlich willkommen, unabhängig davon, ob ihre Arbeiten in der jeweiligen Mini-Ausstellung gezeigt werden oder nicht.
- Hinweis zum Wunschkalender: Wir bieten den Wunschkalender bei Mini-Ausstellungen ausschließlich in Verbindung mit R!R?-Präsenztagen an. Eine unbegleitete Umsetzung – etwa durch das bloße Auslegen eines Infozettels an einer Rezeption – ergibt aus unserer Sicht wenig Sinn. Ohne Zugang zum vollständigen Katalog fehlt die Grundlage für eine individuelle Auswahl, und ohne persönliche Anwesenheit einer R!R?-Teilnehmerin oder eines Teilnehmers fehlt die Kontextualisierung, die das Kalenderangebot überhaupt erst relevant macht.
- Lesungen: Lesungen können auf Wunsch organisiert werden.
- Texte zur Ausstellung: Auf klassische „poetische Assoziationen“, wie sie in unseren größeren Ausstellungen üblich sind, verzichten wir bewusst.
- Beispielbilder zur festen Präsentationsform von RHEIN!ROMANTIK? en passant – so sieht die Ausstellung an allen Orten aus. (01.08.2025)

„RHEIN!ROMANTIK?“ – Ein Bilddialog zwischen Ausrufezeichen und Fragezeichen
Die Mini-Ausstellung versammelt zehn Werke, die exemplarisch zeigen, wie sich die Idee von RHEIN!ROMANTIK? entfaltet – im Spannungsfeld zwischen Faszination und Skepsis, zwischen dem Ausrufezeichen (!) und dem Fragezeichen (?). Gemeinsam bilden sie eine kleine, aber vielstimmige Erzählung über den Rhein, seine Bilder und ihre Brüche.
Am Anfang stehen Motive, die noch deutlich im romantischen Erbe wurzeln – und dieses zugleich kritisch brechen. Der sogenannte Hexenturm in St. Goar verkörpert Geschichte und mittelalterliche Strenge. Sein Name erinnert nicht an romantische Sagenidylle, sondern an dunkle Kapitel von Verfolgung und Gerichtsbarkeit. Erst in späterer Wahrnehmung wurde er in den Kanon romantischer Rheinmotive integriert – ein stolzes Ausrufezeichen einer langen, aber ambivalenten Tradition.
Auch das Herbstlaub verweist auf Schönheit und Naturpoesie. Doch der Blick wird zugleich von der urbanen Umgebung gerahmt: Häuserfront und Hecke begrenzen den Fluss, der hier fast den Charakter einer Parklandschaft annimmt. Im goldenen Leuchten klingt Vergänglichkeit an – ein leises Fragezeichen hinter der scheinbaren Idylle.
Mit „… dass ich so traurig bin“ öffnet sich die Serie ins Innere. Zugleich klingt das Loreley-Lied Heinrich Heines an – „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin“ – jenes Gedicht von Schönheit, Sehnsucht und Verhängnis, in dem der Rhein selbst zur Stimme des Schicksals wird. Der Fluss erscheint nicht mehr als Landschaftsmotiv, sondern als Spiegel von Melancholie, als Ort persönlicher Empfindung. Die große Geste der Romantik verwandelt sich in ein stilles, individuelles Gefühl. Anmerkung: Formal inspiriert vom Jugendstil und Klimt (Gold, Ornament, rote Lippen),
Rheingold wiederum ruft den Mythos auf, der den Rhein weltberühmt gemacht hat – nicht als glanzvolle Opernszene, sondern als dunkles, aufgewühltes Drama. Das Gold bleibt verborgen, die Sage wird zur gebrochenen Legende. Und doch blitzt in den Rissen und Schichtungen ein Hauch von Gold auf – wie eine Spur des Verheißungsvollen, das inmitten des Dunkels nicht gänzlich erlischt.
St. Kastor Koblenz verweist noch einmal auf die vertrauten Symbole der Rheinlandschaft. Doch das Bild wirkt verfremdet, entrückt, wie eine Erinnerung, die sich schon von der Gegenwart löst. Der Kontrapunkt folgt scharf: Kein Bock auf Mäuseturm verweigert frontal die Postkarten-Romantik. Eines der bekanntesten Motive, der Mäuseturm bei Bingen, wird hier ironisch abgelehnt. Kein Ehrfurchtsbild, sondern ein deutliches Fragezeichen – das Nein zu einer allzu glatten Tradition.
Mit Rheinblick 2 und Koexistenz schlägt die Ausstellung ins Offene, vielleicht sogar ins Ironische um. Beide Bilder tragen den Rhein im Titel, doch der Fluss selbst ist nicht zu sehen – nicht einmal angedeutet. Der Blick geht zwar in die richtige Richtung, doch er bleibt blockiert. In Rheinblick 2 stellt sich die Schallschutzwand der Eisenbahn vor das Panorama, darüber die Oberleitungen – Infrastruktur statt Landschaft, Abschirmung statt Aussicht. Koexistenz zeigt ein Rheinschiff, doch auch hier bleibt der Strom abwesend: sichtbar sind nur akribisch gestapelte Fahrräder auf dem Deck und Kabinenfenster darunter. In Verbindung mit der Registriernummer am Schiff entsteht ein Bild streng organisierter Mobilität – fast so, als würde selbst die Sehnsucht nach Rheinromantik inventarisiert und registriert. Freizeit und Alltag, Bewegung und Funktionalität überlagern sich – ohne dass der Rhein selbst ins Bild tritt. Genau wie die Eisenbahn zuvor übernimmt auch das Schiff eine rein funktionale Aufgabe: den Transport von Menschen und ihren Bedürfnissen, hier verdichtet im Symbol des Fahrrads.
Am Ende kehrt die Ausstellung noch einmal zur Farbe und zur Feier zurück. Spätlese leuchtet intensiv, fast überbordend, als wolle es die ganze Schönheit des Rheintals in einem letzten Aufglanz bündeln – ein klares Ausrufezeichen. Dabei schwingen die Phantasien eines beschwingten Abends mit, das romantische Erleben in der Zweisamkeit – damals wie heute. Zugleich erinnert das Bild daran, dass der Rhein durch seine geologischen Gegebenheiten seit Jahrhunderten den Weinbau fördert: eine Form der Nutzung, die Landschaft, Kultur und Lebensgefühl geprägt hat.
Silvester in Bingen
Bei Silvester in Bingen erhebt sich die Feier in den Himmel – ein Feuerwerk aus Glanz und Gemeinschaft, das den Rhein für einen Moment in funkelnde Farben taucht. Doch was leuchtet, vergeht zugleich: es verglüht so schnell, wie es aufsteigt, ein Schauspiel von flüchtiger Schönheit. Und es hat seinen Preis: die nicht unerhebliche Umweltbelastung ebenso wie die Reduktion des Rheins zur bloßen Bühnendekoration für ein sensationshungriges Publikum. Was einst vielleicht in gemütlicher Runde mit einem Glas Wein als innere Feuerwerksphantasie erlebt wurde, erscheint hier und heute in einer reizüberfluteten Welt als laute, beliebige Inszenierung – eben eine von vielen.
Im Funkenregen liegt nicht nur Jubel, sondern auch die Sorge, dass der Rhein zur bloßen Spielfläche wird.
So entfalten die zehn Werke eine kleine Dramaturgie: vom stolzen Erbe über die gebrochene Legende bis hin zu Ironie, Verweigerung und neuem Aufleuchten. Gemeinsam stellen sie die zentrale Frage: War Rheinromantik je mehr als ein Sehnsuchtsbild – und was bleibt von ihr in der Gegenwart?
Eine eindeutige Antwort wird es darauf nicht geben; die Wahrnehmung bleibt subjektiv. Zwischen Ausrufezeichen und Fragezeichen öffnet sich ein Raum persönlicher Erfahrungen: Für die einen liegt Romantik im Feuerwerk über dem Rhein, für andere im Wein, auf einer Reise oder im stillen Gemäuer eines Turms.
Genau darin liegt die Essenz von RHEIN!ROMANTIK?.
Bildauswahl und Rechte
- Keine Einflussnahme: Teilnehmer haben keinen Einfluss auf die Bildauswahl.
- Kostenfreiheit: Den teilnehmenden Künstlern entstehen keine Kosten.
- Nutzung der Werke: Mit ihrer Teilnahme stimmen die Künstler einer zeitlich unbegrenzten Nutzung ihrer Werke für Druck, Veröffentlichung und eventuellen Verkauf im Rahmen von R!R? zu, sofern sie nicht vorab widersprochen haben (per E-Mail oder telefonisch).
Verwendung von Erlösen
Eventuelle Verkaufserlöse werden zur Konsolidierung des R!R?-Kontos genutzt. Überschüsse fließen in das nächste Ausstellungsjahr.
Die ausgewählten Bildautorinnen und -autoren werden von R!R? per E-Mail benachrichtigt.
Das ORGA-Team
Beispieltexte
In unserer Schreibwerkstatt beschäftigen wir uns mit den Motiven der „en passant“-Bildstrecken und entwickeln auf Basis derselben zehn Arbeiten eigene Texte, Erinnerungen und Erzählungen. Gerade diese bewusste Begrenzung macht sichtbar, wie unterschiedlich Wahrnehmungen, Assoziationen und innere Bilder entstehen können, obwohl alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer von denselben Bildfolgen ausgehen.
>>Hier sind einzelne, nicht zusammenhängende Bilder aus der Serie der „en passant“ Bilder beschrieben: Link:
X-Der Mann, der den Rhein nicht mehr fand
(eine mögliche Geschichte auf Grundlage der MA-Bilder)
Eigentlich hatte er nur kurz anhalten wollen.
Die Straße nach Bingen war voll gewesen, die Schilder verwirrend, das Navi sprach zu viel. Als er schließlich vor dem kleinen Gebäude parkte, wusste er selbst nicht genau, warum er hineinging. Vielleicht wegen des Wortes „RHEIN!ROMANTIK?“ auf dem Plakat. Vielleicht auch nur, weil draußen plötzlich Regen einsetzte.
Drinnen war es still.
Zehn Bilder. Nicht mehr.
Das erste zeigte einen alten Turm. Dunkel, schwer, abweisend. Hexenturm stand daneben. Er trat näher. Irgendetwas an dem Bild irritierte ihn. Das war nicht der Rhein aus den Reiseführern seiner Kindheit. Kein Dampfschiff. Keine Loreley. Keine goldenen Sonnenuntergänge.
Eher Geschichte als Romantik.
[Bild: Hexenturm]
Er ging weiter.
Vor dem Herbstlaub blieb er länger stehen. Für einen kurzen Moment glaubte er, den Rhein wiederzuerkennen. Dieses warme Licht. Die Farben. Doch dann bemerkte er die Häuser, die Hecke, die Begrenzungen. Selbst hier war der Fluss nur noch ein schmaler Rest zwischen Dingen geworden.
[Bild: Herbstlaub]
Im nächsten Bild blickten ihn rote Lippen an.
„… dass ich so traurig bin.“
Er musste plötzlich an seine Frau denken. Früher hatten sie jedes Jahr eine Rheinfahrt gemacht. Später nicht mehr. Irgendwann waren andere Dinge wichtiger geworden.
[Bild: … dass ich so traurig bin]
Als er weiterging, wurde das Licht dunkler.
Rheingold.
Nicht glänzend. Nicht heroisch. Das Gold lag verborgen unter dunklen Schichten. Und trotzdem blitzte irgendwo noch etwas auf.
[Bild: Rheingold]
Er hörte Schritte hinter sich. Zwei jüngere Besucher blieben lachend vor einem Bild stehen.
„Kein Bock auf Mäuseturm.“
Der Satz traf ihn unerwartet. Früher hatte er genau solche Postkarten verschickt. Mäuseturm, Loreley, Burgen. Damals hatte niemand darüber nachgedacht. Man machte die Bilder einfach. Vielleicht brauchte jede Zeit ihre eigenen Rheinbilder.
[Bild: Kein Bock auf Mäuseturm]
Vor Rheinblick 2 blieb er abrupt stehen.
Eine Schallschutzwand. Oberleitungen. Der Rhein unsichtbar.
Er musste plötzlich lachen. Nicht laut. Eher erschöpft.
Vielleicht war das das ehrlichste Rheinbild der ganzen Ausstellung.
[Bild: Rheinblick 2]
Daneben ein Schiff voller Fahrräder. Kein Wasser zu sehen. Keine Romantik. Nur Ordnung, Bewegung, Nummern, Alltag.
[Bild: Koexistenz]
Zum ersten Mal fragte er sich, ob der Rhein vielleicht nie verschwunden war — sondern nur die Bilder, die man sich von ihm gemacht hatte.
Das vorletzte Bild leuchtete warm und schwer wie Wein.
Spätlese.
Er dachte an Gespräche, die nachts immer besser wurden, je leerer die Flaschen waren. An Menschen, die längst nicht mehr lebten.
[Bild: Spätlese]
Ganz am Ende explodierte ein Feuerwerk über Bingen.
Farben. Licht. Jubel.
Und plötzlich verstand er etwas Merkwürdiges:
Alle diese Bilder widersprachen sich. Und trotzdem gehörten sie zusammen.
Vielleicht brauchte jede Zeit ihre eigenen Rheinbilder.
[Bild: Silvester in Bingen]
Als er wieder hinausging, hatte der Regen aufgehört.
Den Rhein selbst sah er nicht.
Aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl, ihm wieder begegnet zu sein.
Was bleibt vom Rhein?
(inspiriert von den zehn Bildern der Mini-Ausstellung „RHEIN!ROMANTIK? en passant“)
Vielleicht verändern sich mit der Zeit nicht nur unsere Bilder vom Rhein, sondern auch die Art, wie wir auf ihn blicken.
Und trotzdem verschwinden die alten Vorstellungen nicht.
Sie sitzen tief in uns: Burgen im Abendlicht, die Loreley, das Gold im Wasser, Weinberge, Sehnsucht, Geschichten von Reisenden und Dichtern. Selbst Menschen, die nie ein romantisches Gedicht gelesen haben, tragen oft eine Vorstellung vom „romantischen Rhein“ in sich.
Dabei haben wir den Rhein längst verändert. Züge verschwinden hinter Schallschutzwänden. Schiffe transportieren Waren, Fahrräder und Touristen. Bilder entstehen heute pausenlos — auf Handys, Bildschirmen und Werbeflächen.
Und doch bleiben bestimmte innere Bilder erstaunlich stabil.
Vielleicht reagieren wir gerade deshalb auf diese zehn Bilder. Nicht weil sie spektakulär wären oder den Rhein in seiner klassischen Schönheit zeigen. Sondern weil sie zwischen den vielen Bildern unserer Gegenwart wieder Raum für eigene Gedanken lassen.
Vielleicht suchen Menschen gerade in dieser Bilderflut nach vertrauten inneren Vorstellungen — nicht weil sie wahrer wären, sondern weil sie Erinnerungen und Sehnsüchte in sich tragen.
Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass die vertrauten romantischen Rheinbilder in dieser Auswahl weitgehend im Hintergrund bleiben. Stattdessen zeigen sich Brüche, Leerstellen und Fragen.
Was bleibt von diesen Bildern, wenn Wirklichkeit, Erinnerung und Gegenwart immer stärker ineinander übergehen?
X-Der Rhein verschwindet nicht
(Bildstrecke auf Grundlage der MA-Bilder: „… dass ich so traurig bin“ / „Rheingold“ / „Rheinblick 2“ / „Koexistenz“)
Am Anfang stand noch die Sehnsucht.
Oder zumindest die Erinnerung daran.
Die Frau blickte auf den Rhein, als würde sie auf etwas warten, das längst vergangen war. Hinter ihr glitzerte Gold im Wasser. Doch selbst dieses Gold wirkte unsicher geworden — vielleicht Rheingold, vielleicht nur eine Spiegelung, vielleicht nur eine jener alten Geschichten, die man so oft weitererzählt hat, bis niemand mehr fragt, woher sie eigentlich stammen.
Sie wirkte nicht traurig wegen des Rheins.
Eher wegen der Bilder, die man seit Jahrhunderten mit ihm verbindet.
Immer dieselben Lieder.
Immer dieselben Geschichten.
Immer dieselbe Sehnsucht.
Und trotzdem verschwanden diese Bilder nicht.
Sie blieben irgendwo in den Menschen zurück — selbst dort, wo die Wirklichkeit längst eine andere geworden war.
Das Gold wurde dunkler.
Nicht mehr glänzende Verheißung, sondern etwas Verborgenes, Verschüttetes. Der Mythos schien noch vorhanden, aber nur noch in Resten. Als hätte die Zeit begonnen, die alten Erzählungen langsam abzutragen, Schicht für Schicht.
[Bild: … dass ich so traurig bin / Rheingold]
Später war vom Rhein plötzlich kaum noch etwas zu sehen.
Eine Schallschutzwand stellte sich vor die Landschaft. Oberleitungen durchschnitten den Himmel. Der Blick ging zwar noch in Richtung Fluss, erreichte ihn aber nicht mehr.
[Bild: Rheinblick 2]
Und dennoch blieb die Vorstellung vom Rhein bestehen.
Vielleicht sogar gerade deshalb.
Vielleicht entstehen innere Bilder nicht trotz solcher Wirklichkeiten, sondern mitten in ihnen.
Weiter unten standen Fahrräder sauber geordnet auf einem Schiff.
Von den Menschen keine Spur.
Fast wirkte es, als würde man die Fahrräder den erschöpften Urlaubern nur noch hinterhertransportieren. Bewegung ohne Aufbruch. Reisen ohne Entdeckung.
[Bild: Koexistenz]
Und doch schien selbst darin noch eine merkwürdige Form von Rheinromantik verborgen zu liegen.
Nicht mehr in Burgen, Mythen oder großen Landschaften.
Sondern in der Suche nach etwas Vertrautem innerhalb einer Welt aus Verkehr, Tourismus, Bildern und Wiederholungen.
Vielleicht verschwindet der romantische Rhein deshalb bis heute nicht.
Nicht in den Bildern selbst.
Sondern in dem, was Menschen weiterhin mit ihnen verbinden.
Ein Abend am Rhein
(Bildstrecke auf Grundlage der MA-Bilder: Herbstlaub / Spätlese / Silvester in Bingen)
Es begann ganz unspektakulär.
Ein später Nachmittag irgendwo am Rhein. Das Licht lag tief über den Weinbergen, und zwischen den Häusern schimmerte für einen kurzen Moment noch der Fluss. Kein großes Panorama. Eher ein stiller Augenblick zwischen Alltag und Erinnerung.
[Bild: Herbstlaub]
Vielleicht war es gerade diese Ruhe, die den Gedanken plötzlich zurückbrachte.
An frühere Fahrten. An Gespräche. An Menschen, die damals noch selbstverständlich dabeigewesen waren. Der Rhein hatte sich verändert, die Orte auch, und doch schien manches noch immer vorhanden zu sein — verborgen unter all den neuen Bildern der Gegenwart.
Später wurde das Licht wärmer.
Die Farben begannen zu leuchten. Wein, Abendsonne, Schatten, Gespräche — vieles von dem, was man seit Generationen mit dem Rhein verbindet, schien für einen Moment noch einmal sichtbar zu werden.
[Bild: Spätlese]
Es war keine große Inszenierung.
Eher etwas Leises und Vertrautes.
Nicht Burgen oder Legenden standen im Mittelpunkt, sondern Erinnerungen, Stimmungen und kurze Augenblicke.
Als es dunkel wurde, begann über dem Rhein das Feuerwerk.
Farben spiegelten sich im Wasser, Menschen standen am Ufer, irgendwo wurde gelacht. Für einen kurzen Moment schien die Landschaft noch einmal aufzuleuchten.
[Bild: Silvester in Bingen]
Doch die Funken vergingen schnell.
Wie immer.
Und vielleicht lag gerade darin ihre Wirkung.
Nicht im Dauerhaften. Nicht im großen Mythos. Sondern in diesen kurzen Momenten, in denen Erinnerung und Gegenwart für einen Augenblick zusammenfallen.
x-War Romantik jemals laut?
(Bildstrecke auf Grundlage der MA-Bilder: Rheinblick 2 / Koexistenz / Silvester in Bingen)
Vielleicht beginnt die Veränderung der Rheinromantik heute nicht zuerst im Bild, sondern im Geräusch.
Die alten Rheinbilder wirken meist still. Burgen im Abendlicht. Weinberge. Nebel über dem Wasser. Selbst dort, wo Menschen auftauchen, scheint der Rhein eher getragen von Ruhe, Entfernung und innerer Stimmung.
Die Bilder dieser kleinen Serie erzählen etwas anderes.
Hinter der Schallschutzwand rauscht ein Zug vorbei. Man sieht ihn kaum, und doch scheint sein Lärm das ganze Bild zu bestimmen. Oberleitungen schneiden durch den Himmel. Der Rhein bleibt verborgen.
[Bild: Rheinblick 2]
Auch das Schiff erzählt nicht mehr von Reise oder Sehnsucht.
Die Fahrräder stehen sauber geordnet auf dem Deck, fast wie Inventar. Menschen sind nicht zu sehen. Bewegung bleibt — aber sie wirkt organisiert, funktional und wiederholbar.
[Bild: Koexistenz]
Und dann das Feuerwerk.
Laut. Hell. Spektakulär.
Für wenige Minuten wird der Rhein zur Bühne eines gemeinsamen Augenblicks. Farben, Geräusche und Licht überlagern alles andere.
[Bild: Silvester in Bingen]
Doch wie das Feuerwerk verschwinden auch diese Momente fast sofort wieder.
Vielleicht hat sich Romantik heute nicht aufgelöst, sondern nur ihre Form verändert. Weg von der stillen Betrachtung — hin zum kurzen Erlebnis, zum Ereignis, zum gemeinsamen Moment.
Und vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Frage:
Was bleibt vom romantischen Rhein, wenn selbst Sehnsucht immer lauter wird?
X-Wo sind die Menschen?
(Gedanken zu den Bildern der Mini-Ausstellung „RHEIN!ROMANTIK? en passant“)
Je länger man die Bilder betrachtet, desto deutlicher stellt sich eine merkwürdige Frage:
Wo sind eigentlich die Menschen?
Der Rhein ist überall präsent. Man sieht Spuren ihrer Anwesenheit, ihrer Eingriffe und ihrer Bewegungen. Fahrräder stehen geordnet auf einem Schiff. Hinter Schallschutzwänden fährt ein Zug vorbei. Feuerwerk steigt über dem Fluss auf. Eine Staffelei steht verlassen in der Landschaft. Nur die Loreley taucht noch auf — und doch bleibt vieles menschenleer.
Fast wirkt es, als hätten die Menschen die Bilder verlassen.
Dabei ist Rheinromantik doch eigentlich etwas zutiefst Menschliches. Sehnsucht, Erinnerung, Reisen, Liebe, Hoffnung, Fernweh — all diese Vorstellungen entstehen nicht im Rhein selbst, sondern in den Menschen, die auf ihn blicken.
Und trotzdem zeigt die Bildauswahl vor allem Hinterlassenschaften.
Bewegung ohne Menschen.
Tourismus ohne Reisende.
Erinnerungen ohne Geschichten.
Romantik ohne ihre Figuren.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Stimmung dieser Bilder. Die Menschen erscheinen nicht mehr direkt, sondern nur noch indirekt — durch ihre Spuren, ihre Geräusche, ihre Infrastruktur und ihre Bilder.
