Jahrbuch 2027 Texte und Positionen


Einleitung

Neuer Text-Block im Jahrbuch 2027: Texte und Positionen

Vorspann

Zwischen Bild und Wirklichkeit

Neben Malerei, Fotografie sowie Skulptur und Materialkunst eröffnet RHEIN!ROMANTIK? mit diesem Block einen weiteren Zugang: die sprachliche Auseinandersetzung in Form kurzer Texte und persönlicher Stellungnahmen.

Die Beiträge stammen aus dem Kreis der Teilnehmenden ebenso wie von Leserinnen und Lesern unseres Katalogs. Sie versammeln unterschiedliche Perspektiven auf den Rhein – erzählerische, erfahrungsbezogene und beobachtende.

Im Zentrum steht die Frage, was vom romantischen Bild des Rheins bis heute fortwirkt – und was ihm in der Gegenwart entgegensteht.

Zwischen diesen Polen entsteht ein Spannungsfeld:

! – der Rhein als Bild
Erzählungen, Märchen und überlieferte Vorstellungen prägen seit dem 19. Jahrhundert die Wahrnehmung des Flusses. Sie verdichten Erfahrungen zu inneren Bildern – nicht als Wirklichkeit, sondern als Deutung.

? – der Rhein als Wirklichkeit
Dem gegenüber steht der Fluss als Arbeitsraum, als Infrastruktur und als System. Für viele ist er nicht Projektionsfläche, sondern konkrete Realität – geprägt von Nutzung, Eingriff und Funktion.

Dazwischen entstehen Brüche, Verschiebungen und neue Perspektiven – etwa dort, wo Menschen ohne vorgeprägtes Bild auf den Rhein treffen.

Die Texte dieses Blocks verstehen sich nicht als literarische Arbeiten im Sinne der Schreibwerkstatt, sondern als individuelle Positionen: Beobachtungen, Erfahrungen und Reflexionen.

So entsteht ein vielschichtiges Bild: Der Rhein erscheint zugleich als kulturelles Konstrukt, als historisch geprägter Erinnerungsraum und als gegenwärtige Realität.

RHEIN!ROMANTIK? erweitert damit den künstlerischen Zugriff um eine reflektierende Dimension, die nicht abbildet, sondern einordnet, hinterfragt und Stellung bezieht.


1. Märchen und Bilder im Kopf (!)

RHEIN!ROMANTIK? – Märchen und Erzählungen

Der Rhein war immer auch Projektionsfläche: für Sehnsucht, Gefahr, Verführung und Erlösung.
Märchen, Legenden und frei erfundene Geschichten sind ein Teil davon – nicht als historische Wahrheit, sondern als Verdichtung von Bildern im Kopf.

Wir suchen kurze Texte, die sich diesem Raum nähern:
nicht erklärend, nicht analysierend, sondern erzählend.

Ob klassische Motivik oder zeitgenössische Variante – entscheidend ist nicht die Form, sondern die innere Stimmigkeit.

Rahmen:
Text: max. 1 Seite (A4)
optional: ein Foto der Autorin / des Autors

Die folgenden Beispiele sind bewusst anonym gehalten.
Sie orientieren sich an realen Perspektiven und können auch als Notizen oder Verdichtungen von Gesprächen gelesen werden.


Beispiel:

Ich kannte den Rhein lange nur aus Geschichten.
Da ging es um Burgen, um Ritter, um Frauen auf Felsen, die singen.

Als ich das erste Mal hier war, habe ich versucht, das wiederzufinden.
Die Landschaft passt dazu, aber gleichzeitig stimmt es auch nicht ganz.

Die Züge fahren laut am Ufer entlang, überall sind Straßen, Menschen, Verkehr.

Ich habe gemerkt, dass die Geschichten stärker sind als das, was ich sehe.
Vielleicht schaut man deshalb anders auf diesen Fluss.

Ich weiß nicht, ob der Rhein wirklich romantisch ist.
Aber ich verstehe, warum man ihn so sehen wollte.


2. Fremder Blick – ohne vorgeprägtes Bild (! → ?)

RHEIN!ROMANTIK? – Neue Perspektiven

Der Rhein ist für viele Menschen identitätsstiftend.
Für andere ist er zunächst bedeutungslos.

Wir suchen Beiträge von Menschen, die nicht mit diesem kulturellen Bild aufgewachsen sind –
die aus anderen Ländern oder anderen Lebensrealitäten kommen.

Nicht als touristischer Blick, nicht als romantische Projektion,
sondern als offene Frage:

Spielt dieser Fluss überhaupt eine Rolle?
Und wenn ja – welche?

Zwischen Alltag, Unsicherheit, Neubeginn und Orientierung entstehen andere Bilder.
Genau diese interessieren uns.

Rahmen:
Text: max. 1 Seite (A4), gerne auch in der Muttersprache
optional: ein Foto


Beispiel:

Ich bin nicht am Rhein aufgewachsen.
Flüsse kenne ich anders – breiter, stiller, weniger geordnet.

Der Rhein wirkt auf mich wie etwas, das ständig gebraucht wird.
Schiffe fahren, Menschen arbeiten, alles hat eine Richtung.

Die Burgen und Weinberge sehen schön aus, aber auch fremd.
Fast wie aus einer Geschichte, die ich nicht kenne.

Ich frage mich, ob dieser Fluss für die Menschen hier mehr ist
als ein Arbeitsplatz und eine Landschaft.

Für mich ist er das noch nicht.
Vielleicht wird er es mit der Zeit.


3. Arbeiten auf dem Rhein (?)

RHEIN!ROMANTIK? – Der Rhein als System

Für viele ist der Rhein ein Bild.
Für andere ist er Arbeitsplatz.

Wir suchen Beiträge von Menschen, die täglich mit dem Fluss zu tun haben:
in der Schifffahrt, in der Sicherung und Steuerung des Rheins.

Strömung, Pegel, Verkehr, Eingriffe –
das sind keine romantischen Begriffe, sondern konkrete Realität.

Uns interessiert diese Perspektive:
Was bedeutet der Rhein, wenn man von ihm lebt?

Rahmen:
Text: max. 1 Seite (A4)
optional: ein Foto


Beispiel (Schifffahrt):

Für mich ist der Rhein kein besonderes Bild, sondern eine Strecke.
Ich fahre sie regelmäßig, manchmal nachts, manchmal bei Nebel.

Man kennt die Stellen, die schwierig sind.
Man weiß, wo man aufpassen muss.

Die Burgen nehme ich kaum noch wahr.

Wichtig ist, dass alles läuft:
Wasserstand, Verkehr, Termine.

Der Rhein ist vor allem Arbeit.


Beispiel (Der Rhein als System):

Ich arbeite am Rhein, aber anders als viele denken.
Ich fahre nicht auf dem Fluss, ich beschäftige mich mit ihm.

Der Rhein ist kein Zustand, sondern etwas, das ständig verändert wird.
Ufer werden gesichert, Strömungen beeinflusst, Wasserstände beobachtet.

Vieles davon sieht man nicht direkt.

Wenn etwas nicht funktioniert, merkt man es schnell.
Wenn alles funktioniert, fällt es kaum auf.

Die Landschaft wirkt natürlich, ist es aber oft nicht.

Ich sehe den Rhein nicht als Bild, sondern als System, das stabil gehalten werden muss.

Romantik spielt dabei keine Rolle.


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