Rebecca Kirsch Laudatio„MS Rheingau“


Seit 2017 mache ich mit großer Freude Führungen im Brentanohaus in Oestrich‑Winkel, das als „Kleinod der Romantik“ gilt. Das Brentanohaus ist sehr eng mit der Rheinromantik verbunden, die im frühen 19. Jahrhundert begann. Zur damaligen Zeit traf sich dort in der Sommerresidenz der berühmten Familie Brentano die geistige Elite der Romantikbewegung, darunter Clemens Brentano, Bettine Brentano und Achim von Arnim.

Das Brentanohaus hat eine besondere Atmosphäre, da man dort wie in einer Zeitkapsel in die Epoche der Romantik zurückreisen kann. Die Familie Brentano hat über Generationen dafür gesorgt, dass dieses historische Denkmal im ursprünglichen Zustand erhalten bleibt und für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Im Jahre 1802 unternahmen Clemens Brentano und sein Freund Achim von Arnim eine Rheinreise von Mainz nach Koblenz und gaben im Anschluss das Werk „Des Knaben Wunderhorn“ heraus, in dem sie die Volkslieder veröffentlichten, die sie während ihrer Reise in den Ortschaften entlang des Rheins gesammelt hatten. Diese Reise gilt als Initialzündung der Rheinromantik, da Clemens und Achim den Rhein und die Sagen, die sich um ihn ranken, in den Mittelpunkt stellten.

Der Rhein wurde damals touristisch erschlossen, und auch der berühmte englische Maler William Turner kam an den Rhein, um die atemberaubende Landschaft in seinen Bildern einzufangen. Im Anschluss reisten Menschenmassen, darunter auch viele berühmte Persönlichkeiten, an den Rhein, um dieses Naturschauspiel vor Ort zu erleben.

Die hier auf diesem Schiff ausstellenden Künstler des Projekts „rhein!romantik?“ führen die Arbeit von Clemens Brentano und Achim von Arnim weiter und stellen in unserer gegenwärtigen Zeit – ebenso wie Brentano und Arnim damals – den Rhein, der in unserer Kultur eine besondere Stellung einnimmt, in das Zentrum ihres Schaffens. Sie sehen die Bezeichnung „Romantik“ jedoch durchaus kritisch, was schon im Namen des Künstlerprojekts deutlich wird, der mit einem Fragezeichen endet, worauf später noch näher eingegangen wird.

Man darf nicht vergessen, dass der Rhein die Menschen schon lange vor der Zeit der Romantik fasziniert und im wahrsten Sinne des Wortes wie auch im symbolischen Sinne bewegt hat. Man denke dabei nur an das Nibelungenlied, das sehr viel älter ist als die Bewegung der Rheinromantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Das Nibelungenlied stammt aus dem Mittelalter und entstand um 1200.

Zwischen dem Nibelungenlied und der Rheinromantik gibt es eine enge Verbindung, da die romantische Bewegung dieses Heldenepos nutzte, um den Rhein als mythische deutsche Landschaft darzustellen. Das Nibelungenlied lieferte die dramatischen Geschichten, während die Rheinlandschaft zur Kulisse für nationale Sehnsüchte wurde.

Man bedenke, dass die Romantik zeitlich kurz vor der Deutschen Revolution einzuordnen ist. Zur Zeit der Romantik war Deutschland von den Franzosen besetzt. Durch diese französische Besatzung unter Napoleon wurde der Wunsch nach deutscher Einheit gestärkt, und man war auf der Suche nach der eigenen deutschen Identität, um sich von der Besatzungsmacht abzugrenzen.

Die Romantiker sahen den Rhein als Ort der Sehnsucht und der Idylle, sozusagen als Paradies auf Erden, wo sich das menschliche Schaffen – dargestellt durch die vielen Burgen aus früherer Zeit – harmonisch mit der Landschaft verbindet und zu einem Arkadien wird. Sie entflohen auf diese Art und Weise der Realität, wie es die Menschen schon seit jeher getan haben und es auch bis heute tun.

Denn die damalige Zeit war keinesfalls idyllisch und romantisch. Sie wurde, wie bereits erwähnt, von den Napoleonischen Kriegen beherrscht, und Zerstörung prägte den Alltag. Im Gegensatz zu dieser schwierigen Zeit sahen die Romantiker im Mittelalter das goldene Zeitalter, am Rhein repräsentiert durch die alten Burgruinen.

Dabei war auch das Mittelalter keine goldene Zeit; auch dort gab es Kriege, Seuchen und Hungersnöte. Die Burgen am Rhein dienten dazu, die mit Gütern beladenen Schiffe aufzuhalten und hohen Zoll zu fordern. Dem romantischen Idealbild des edlen Ritters steht das reale Bild des grausamen Raubritters gegenüber.

Schon immer ist es eine typische Eigenschaft des Menschen gewesen, die Vergangenheit zu idealisieren und nur das Gute darin zu sehen, um aus der gegenwärtigen Zeit in eine Traumwelt zu flüchten. Das Konzept des Künstlerprojekts „rhein!romantik?“ fängt diesen Zwiespalt – wie bereits erwähnt – im Namen ein.

Es handelt sich immer um den Rhein, der im Rheintal zu einem gewaltigen Naturschauspiel wird, das die Menschen zu allen Zeiten fasziniert hat und auch in Zukunft faszinieren wird. Aber ist der Rhein immer romantisch? Diese Frage wird symbolisiert durch das Fragezeichen am Ende der Bezeichnung des Projekts.

Mit Sicherheit nicht. Zu jeder Zeit gab es Probleme und Konflikte: im Mittelalter durch Raubritter, zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch die Napoleonischen Kriege und heute durch Umweltverschmutzung und die Zerstörung der Natur.

Dennoch dient der Rhein, der bislang alle schwierigen Zeiten überdauert hat, als ein Ort der Zuflucht, an dem man sich eine heile Welt erträumen kann. Die Schönheit des Rheins scheint den Menschen zu allen Zeiten Kraft zu geben, um mit ihren Problemen und Sorgen fertigzuwerden und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.

Der Rhein ist ein besonderes Naturphänomen, in dessen Darstellung sich alle Ausdrucksformen der von Menschen geschaffenen Kunst vereinen – sowohl in der Bildenden Kunst als auch in der Literatur und in der Musik. Dabei ist insbesondere auf das Gedicht der Loreley von Clemens Brentano zu verweisen. Clemens Brentano war der erste Dichter, der diesen mächtigen Felsen im Rheintal personifizierte und eine Frauengestalt schuf, die seinen Namen trägt.

Wer sich nicht intensiv mit der Loreley beschäftigt hat, denkt zunächst an das Gedicht von Heinrich Heine aus dem Jahre 1824, das 1837 von Friedrich Silcher vertont wurde und so weltweite Verbreitung fand. Bei Heine ist die Loreley eine wunderschöne Frau mit langen Haaren, die auf einem Felsen sitzt, sich das Haar kämmt und die Schiffer ins Verderben führt, weil diese von ihrer Schönheit angezogen werden und in den gefährlichen Strömungen des Rheins kentern und zugrunde gehen.

Im ursprünglichen Gedicht von Clemens Brentano aus dem Jahre 1801, das Teil seines Romans „Godwi“ ist, ist die Loreley jedoch eine mächtige Zauberin, die später an ihrem eigenen Zauber zugrunde geht und sich aufgrund ihrer verlorenen Liebe von dem mächtigen Felsen in die Tiefen des Rheins stürzt.

Zum Abschluss dieser Laudatio möchte ich nun das Gedicht „Lore Lay“ von Clemens Brentano vortragen. Darin vereinigen sich alle Grundzüge, die die Romantik ausmachen: die Stärke des Gefühls und der Emotionen – hier dargestellt durch die Tatsache, dass die Loreley für die Liebe stirbt –, die Darstellung des überwältigenden und faszinierenden Naturschauspiels des Rheintals sowie die Bezüge zum Mittelalter, repräsentiert durch die Burgruinen entlang des Rheins, wobei das Mittelalter idealisiert und glorifiziert wird, ohne kritische Beurteilung der damals herrschenden Missstände.


„Lore Lay“ von Clemens Brentano
Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riss viel Herzen hin.
Und brachte viel zu Schanden
Der Männer rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.
Der Bischof ließ sie laden
Vor geistliche Gewalt
Und musste sie begnaden,
So schön war ihr Gestalt.
Er sprach zu ihr gerühret:
„Du arme Lore Lay!
Wer hat dich denn verführet
Zu böser Zauberei?“
„Herr Bischof lasst mich sterben,
Ich bin das Lebens müd,
Weil jeder muss verderben,
Der meine Augen sieht.
Die Augen sind zwei Flammen,
Mein Arm ist ein Zauberstab.
O legt mich in die Flammen!
O brechet mir den Stab!“
„Ich kann dich nicht verdammen,
Bis du mir erst bekennst,
Warum in diesen Flammen
Mein eigen Herz schon brennt.
Den Stab kann ich nicht brechen,
Du schöne Lore Lay!
Ich müsste dann zerbrechen
Mein eigenen Herz in zwei!“
„Herr Bischof mit mir Armen
Treibt nicht so bösen Spott,
Und bittet um Erbarmen
Für mich den lieben Gott.
Ich darf nicht länger leben,
Ich liebe keinen mehr,
Den Tod sollt ihr mir geben,
Darum kam ich zu euch her.
Mein Schatz hat mich betrogen,
Hat sich von mir gewandt,
Ist fort von hier gezogen,
Fort in ein fremdes Land.
Die Augen sanft und wilde,
Die Wangen rot und weiß,
Die Worte still und milde,
Das ist mein Zauberkreis.
Ich selbst muss drin verderben,
Das Herz tut mir so weh,
Vor Schmerzen möchte ich sterben,
Wenn ich mein Bildnis seh‘.
Lasst mein Recht mich finden,
Mich sterben wie ein Christ,
Denn alles muss verschwinden,
Weil er nicht bei mir ist.“
Drei Ritter lässt er holen:
„Bringt sie ins Kloster hin,
Geh, Lore! – Gott befohlen
Sei dein bedrückter Sinn.
Du sollst ein Nönnchen werden,
Ein Nönnchen schwarz und weiß,
Bereite dich auf Erden
Zu deines Todes Reis.“
Zum Kloster sie nun ritten,
Die Ritter alle drei,
Und traurig in der Mitten
Die schöne Lore Lay.
„Lasst mich gehen,
Auf diesen Felsen groß,
Ich will noch einmal sehen
Nach meines Lieben Schloss.
Ich will noch einmal sehen
Wohl in den tiefen Rhein,
Und dann ins Kloster gehen
Und Gottes Jungfrau sein.“
Der Felsen ist so jähe,
So steil ist seine Wand,
Doch klimmt sie in die Höhe,
Bis dass sie oben stand.
Es binden die drei Ritter,
Die Rosse unten an,
Und klettern immer weiter,
Zum Felsen auch hinein.
Die Jungfrau sprach: „Da gehet
Ein Schifflein auf dem Rhein,
Der in dem Schifflein stehet,
Der soll mein Liebster sein.
Mein Herz wird mir so munter,
Er muss mein Liebster sein!“
Da lehnt sie sich hinunter
Und stürzet in den Rhein.
Die Ritter mussten sterben,
Sie konnten nicht hinab,
Sie mussten all verderben,
Ohn‘ Priester und ohn‘ Grab.
Wer hat dies Lied gesungen?
Ein Schiffer auf dem Rhein,
Und immer hat’s geklungen
Von dem drei Ritterstein:
Lore Lay
Lore Lay
Lore Lay
Als wären es meiner drei.


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