
Ein tieferer Blick in unsere Vision Unsere Initiative, die 2019 von regionalen Künstlern aus dem Oberen Mittelrheintal ins Leben gerufen wurde, setzt sich intensiv mit der Romantik am Rhein auseinander – sowohl in ihrer historischen Dimension als auch in ihrer aktuellen Form. Mit unterschiedlichen künstlerischen Mitteln, von Malerei und Fotografie bis hin zu Skulptur und Plastik, erkunden und interpretieren wir das Thema. Die Künstler hinter RHEIN!ROMANTIK? streben danach, den Bogen von den Aspekten der historischen Romantik, wie der rauen wilden Schönheit und Naturverbundenheit, bis zu den heutigen, von „neuzeitlichen“ Einflüssen geprägten Romantikbegriff zu spannen.
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Autorenliste:
- Hans-Peter von Berg 40WFNR3007Vater Rhein zieht sich zurück ↩︎
- Andrea_Wesseli 32WFNR4115Odyssee ↩︎
- Gisela Manthe 18WFNR2256Warten aufs Schiff ↩︎
- Ievgeniia Albini Loreley – Geburt einer Legende ↩︎
- Wolfgang Domakowski 30WFNR2091„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin“ ↩︎
- Klaus Klein 28WFNR2165Loreleyblick ↩︎
- Christine von Glyschinsky 10WFNR4056Deutsches Eck entzerrt ↩︎
- Walter Nussbaum 41WFNR4072Eisenbahn, Blick auf Fenster ↩︎
- Markus Wantzen 12WFNR4032Reiterstellwerk ↩︎
- Mali Schaette 72WFNR4086Rheinromantik 1 ↩︎
- Walter Nussbaum 41WFNR2202Rapsoley ↩︎
- Helmut Wagner 22WFNR3130Bopparder Hamm ↩︎
- Ekkehard Wulff 14WFNR4045Die Falle ↩︎
- Helmut Wagner 22WFNR4042Ganz schön schräg ↩︎
- Walter Nussbaum 41WFNR2262Wernerkappelle Bacharach ↩︎
- Ekkehard Wulff 14WFNR2189Niedrigwasser ↩︎
- Ekkehard Wulff14WFNR2232Schiffsromantik 2022 ↩︎
- Adolf Eberle 3WFNR1167Rheinblick 2 ↩︎
- Annelies Kriegesmann 5WFNR2061Eifelturm-von-Niederwerth ↩︎
- Walter Nussbaum 41WFNR2223Rost ↩︎
Katrin Gloggengießer RHEIN!ROMANTIK? unser Plakat
Projektbeschreibung RHEIN!ROMANTIK?
Auf einem Stück Asphalt sitzt eine kleine, kaum zehn Zentimeter große Keramikfigur. Weder das Material noch der Ort – ein Fahrradweg an der Bundesstraße – geben Anlass zu romantischen Gefühlen. Und doch entsteht beim Betrachten ein Bild, das sofort Assoziationen weckt: die Loreley, der Felsen, die Sage. Alles ist Suggestion. Die vermeintliche Romantik liegt nicht im Objekt, sondern in uns selbst. Sie entsteht durch unsere Erinnerungen, unsere inneren Bilder, unsere Sehnsucht.
Genau hier setzt RHEIN!ROMANTIK? an. Das Projekt fragt, wie viel von der Romantik, die seit Jahrhunderten den Rhein verklärt, heute noch lebendig ist – und wie viel davon in unseren Köpfen weiterlebt. Es zeigt, wie leicht wir Bedeutungen in Dinge einschreiben, wie schnell Illusionen entstehen – sei es im Bild, im Plakat oder in der Fantasie.
Der Rhein – Naturraum und Kulturraum
Schon immer hat der Rhein Landschaften, Menschen und Kulturen geprägt. Sein Name geht vermutlich auf die indoeuropäische Wurzel rhei zurück: „fließen“. Der Strom war Handelsweg, Grenze, Lebensader – und zugleich Projektionsfläche für Mythen und künstlerische Sehnsüchte.
Der Abschnitt zwischen Bingen und Koblenz wurde ab dem späten 18. Jahrhundert zum Inbegriff der Rheinromantik. In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und der Industrialisierung suchten Dichter, Maler und Musiker nach dem Ursprünglichen, nach Bildern einer „heilen“ Natur. Goethe, Hölderlin, Kleist, Lord Byron und William Turner haben dieses Bild des Rheins entscheidend geprägt; die Düsseldorfer Malerschule machte das Mittelrheintal europaweit populär.
Ihre Werke waren nicht nur Kunst, sondern auch Impulsgeber für die Fantasie. Sie gaben uns Bilder und Gedanken an die Hand, die wir bis heute wblocksatzeiterschreiben – wie bei der Figur auf unserem Plakat: An sich hat sie nichts Romantisches, und doch wird sie zum Auslöser romantischer Vorstellungen.
Heute
Wie aber steht es heute – zweihundert Jahre später – um die Rheinromantik?
Der Fluss ist längst gezähmt: kanalisiert, reguliert, zu einer Wasserstraße und einem Wirtschaftskorridor ausgebaut. Schiffe transportieren Kohle, Container und Schrott; Eisenbahnen flankieren das Tal mit Schallschutzwänden und Oberleitungen. Zugleich ist der Rhein touristischer Magnet, täglich bereist von Kreuzfahrtschiffen, Ausflugsschiffen, Bahn- und Busreisenden.
Und dennoch: Die Bilder und Geschichten der Romantik wirken fort. Sie beeinflussen unsere Wahrnehmung – selbst dort, wo kaum noch „Romantik“ zu finden ist. In der Fantasie lebt sie weiter: mal als Rest, mal ironisch gebrochen, mal in neuer Form. Die Rheinromantik ist damit nicht Vergangenheit, sondern ein offenes Feld zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Projektion und Realität.
Ausstellung
Die hier versammelten Werke nähern sich dieser Frage aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln – kritisch, poetisch, ironisch. Sie erzählen nicht einfach nebeneinander, sondern greifen Gedanken auf, antworten einander, führen sie weiter. So entsteht eine kleine Dramaturgie des Rheins: zwischen Relikt und Verklärung, zwischen Romantik und Arbeit.
Die Bilder (Beispiele) zeigen klassische Motive – Loreley, Wernerkapelle, Deutsches Eck – ebenso wie Zeichen der Gegenwart: Schallschutzwände, Niedrigwasser, Containerhafen, Energieinfrastruktur. Sie machen sichtbar, wie der Rhein heute erscheint: als Symbol kultureller Erinnerung, als Naturraum im Wandel, als Verkehrsader, als Projektionsfläche für Mythen, Sehnsüchte und Enttäuschungen.
So versteht sich RHEIN!ROMANTIK? nicht als Abgesang, sondern als Einladung: die Spuren der Romantik neu zu lesen, im Bruch zwischen Mythos und Realität, im Spannungsfeld von Verklärung und Entzauberung, im Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Hans-Peter von Berg – Vater Rhein zieht sich zurück
Hans-Peter von Berg zeigt „Vater Rhein“ als erschöpften Titan – eine ehemals übermächtige Gestalt, der man die Lebensgrundlage entzieht. Der Flussgott stirbt am Wassermangel – und bleibt als machtlose Erinnerung zurück. Dokumentiert von einem Handy – es hält fest, was nicht mehr aufzuhalten ist.
So verbindet er den Abgesang auf die mythische Rheinfigur mit einem sehr realen Blick auf Umwelt, Verschmutzung und Klimawandel. Die Allegorie der Romantik bleibt sichtbar, aber sie kippt ins Zeitgenössische – ein Bild für den Bruch zwischen Mythos und Gegenwart.
Andrea Wesseli – Odyssee
Im Sand liegt ein angeschwemmtes Schaukelpferd. Wurde es entsorgt? Ging es verloren? Ein Relikt einer Kindheit. Dort, wo es liegt, wirkt es deplatziert – wie ein Fremdkörper, der hier nichts zu suchen hat. Vielleicht ein Geschenk von Vater Rhein an die nächste Generation.
Und doch trägt es im Titel eine andere Lesart: eine kleine „Odyssee“. Ein Objekt, das seine vertraute Welt verlassen hat, von den Strömungen fortgetragen, gestrandet an einem fremden Ufer. Wie bei Homers Epos bleibt offen, ob seine Reise hier endet – oder ob eine neue Geschichte beginnt.
Gisela Manthe – Warten aufs Schiff
Am Ufer stehen ältere Menschen, gesammelt wie eine kleine Reisegruppe. Sie blicken ins Offene, doch das Schiff, auf das sie warten, bleibt unsichtbar. Der Rhein erscheint hier weniger als Naturerlebnis, sondern als Teil eines gebuchten Programms.
Das organisierte Sehen steht im Vordergrund – eine Abfolge von Stationen, die man abhakt. In der Haltung der Wartenden liegt zugleich etwas Hilfloses: der Wunsch nach Abwechslung, vielleicht auch nach Romantik. Was bleibt, ist eine versprochene Romantik – ob sie sie finden oder nicht, bleibt offen.
Ievgeniia Albini – Loreley – Geburt einer Legende
Eine Frauengestalt steigt aus dem Wasser, umgeben von Blättern und Blüten, fast getragen vom Strom. Das Bild erinnert an die Geburt der Venus – an Schönheit, Anmut und den Moment des Erscheinens. Doch hier ist es nicht die Venus, sondern die Loreley, Sinnbild der Rheinromantik selbst: die Geburt einer Legende. Rheinromantik erscheint hier nicht als Landschaft, sondern als Verkörperung von Sehnsucht, als mythische Figur, die aus dem Fluss steigt. Noch wirkt sie strahlend, doch in ihrer Künstlichkeit liegt bereits eine Ahnung des Vergänglichen – als sei sie mehr Inszenierung als Natur.
Wolfgang Domakowski – …dass ich so traurig bin
Im nächsten Bild kippt die Szene: Eine weibliche Figur erscheint im Schatten, von Tränen überlagert, von Text durchzogen. Aus der Geburt der Loreley wird ihre Trauer – die Wehmut über das, was verloren ging. Der Bezug auf Heines Loreley-Lied verstärkt diesen Ton: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.“ Nicht der Schiffer, sondern die Figur selbst trägt hier die Melancholie.
So zeigt sich die Loreley nicht mehr als verführerische Sagengestalt, sondern als Frau, die ihre eigene Legende betrauert. Sie wird vermenschlicht – nicht länger Symbol der Verführung, sondern Bild für Verlust und Melancholie. Damit wird sie Teil der heutigen Auseinandersetzung um Rheinromantik: nicht als ferne Sagengestalt, sondern als Figur, die unsere Fragen nach Vergänglichkeit, Sehnsucht und neuer Bedeutung mitträgt.
Klaus Klein – Loreleyblick Der Titel weckt die Erwartung des klassischen Ausblicks vom Felsen – doch das Bild wendet sich um. Es zeigt nicht den Blick auf den Rhein, sondern die Loreley selbst: nur als schemenhafte Silhouette, kaum greifbar – dafür umso stärker belagert von männlichen Blicken.
Gierig, lüstern, fixierend: Rheinromantik – Rheinromantik, die im 19. Jahrhundert den weiblichen Körper zur Projektionsfläche erhob, wird hier entlarvt. Wie in der „Frankfurter Schule“ (Adele zeigt ihre Brüste den Männern) geht es um das Verhältnis von weiblicher Figur und männlicher Begierde.
Aber das Bild öffnet eine zweite Ebene:
So zeigt sich eine zweite Ebene: Bei Domakowski noch als vermenschlichte, trauernde Figur, erscheint sie hier wieder in ihrer alten Rolle – als Attraktion, die nicht nur Sehnsüchte, sondern auch Touristen in ihren Bann zieht.
Christine von Glyschinsky – Deutsches Eck
Ein nationales Wahrzeichen, das gewöhnlich Pathos und Monumentalität vermittelt, erscheint hier in ungewohnter Sichtweise. Etwas an den Rand gerückt, aber leicht erhöht, bleibt es dennoch präsent.
Der Titel ist dabei auch wörtlich zu verstehen: Die Deutschlandfahne erscheint am Bildrand – im sprichwörtlichen „Deutschen Eck“. Die Perspektive macht den Unterschied: Der Standort der Fotografin bestimmt das Bild und gibt ihm seinen Namen. Gleichzeitig markiert das Motiv einen symbolischen Ort: Hier trifft Frankreich auf Deutschland – oder die Mosel den Rhein.
So verschiebt sich auch hier der Blick: Statt romantischer Rheinlandschaft tritt eine Romantik anderer Art hervor – die nationale, monumentale Überhöhung. Doch gerade im Kontrast zum Fluss und seiner landschaftlichen Weite zeigt sich, wie vielschichtig die Zuschreibungen an diesen Ort sind.
Markus Wantzen – Reiterstellwerk
Ein Reiterstellwerk – ein Stellwerk, das wie eine Brücke quer über die Gleise gebaut ist – regelte einst den Zugverkehr an einem wichtigen Bahnknoten. Heute wirkt das Bauwerk wie ein Fremdkörper: nüchtern, funktional, ganz dem Rhythmus von Technik und Infrastruktur verpflichtet.
Von Rheinromantik ist hier nichts zu sehen. Und doch öffnet der nüchterne Titel ein Fenster in eine andere Welt: Erinnerungen an dampfende Lokomotiven, an schnaufende Maschinen, an das lange rhythmische da-da, da-da der Eisenbahn. Gedanken an die Aufbruchsstimmung des 19. Jahrhunderts, als die ersten Züge durchs Rheintal fuhren – weniger Rheinromantik, als Erinnerung an die technische Moderne.
Mali Schaette – Rheinromantik 1
Das Bild verliert sich in der Weite des Rheintals. Details wie Schiffe oder Weinberge treten zurück, erscheinen nur als kleine Spuren – Schiffe verschwinden fast ganz; die Weinberge zeigen sich als grün-gelbe Flächen im Hang. Durch diesen Maßstab wirkt das Tal entrückt, wie durch eine romantisierende Brille gesehen.
Die Härten der Urbanisierung treten zurück, die Landschaft erscheint als weiche Fläche, als harmonische Komposition. Rheinromantik wird hier nicht realistisch befragt, sondern ästhetisch behauptet – als Bild von Weite und Schönheit, das sich bewusst von der Alltäglichkeit löst.
Walter Nussbaum – Rapsoley
Ein gelber Rapsschleier, den der Wind vom gegenüberliegenden Ufer heranwehte, legt sich über den Loreley-Felsen – als wolle er die Romantik konservieren, festhalten, bewahren.
Oder vielleicht auch schützen: vor den nicht enden wollenden Touristenschlangen, die an seinem Saum züngeln; vor dem Straßenlärm, dem Stampfen der Schiffsmotoren, das rhythmische Stampfen der Räder auf den Schienen und das Stimmengewirr von Campingplatz.
Helmut Wagner – Bopparder Hamm
Die berühmte Schleife des Bopparder Hamms, eine der größten zusammenhängenden Weinlagen am Mittelrhein, entfaltet sich hier fast monumental. Reihen um Reihen von Rebstöcken ziehen sich über die Hänge, geometrisch, geordnet, ein Muster aus Linien und Flächen. Der Rhein selbst ist kaum mehr präsent – und doch hat er diese Landschaft geschaffen: den Graben geformt,
die Hänge geöffnet, auf denen die Reben noch die letzten Sonnenstrahlen einfangen können. Der reflektierende Schiefer verstärkt das Licht, gibt den Trauben Wärme und Glanz.
Mehr noch: Der Rhein liefert auch das Getränk, das all die Mythen nährt. Wie der Vampir ohne Blut nicht leben kann, so wäre die Rheinromantik ohne den Wein kaum vorstellbar. Erst durch Sonne, Wärme und Reben wird das Tal zu dem, was Reisende seit Jahrhunderten suchen: ein Magnet für Geschichten, Phantasien – und für die Sehnsucht nach Genuss.
So zeigt das Bild nicht das romantische Flusstal im engeren Sinn, sondern seine Nutzung, seine Kulturlandschaft. Rheinromantik erscheint hier in einer anderen Gestalt: als Weinromantik, als Genuss und Tradition, die das Bild des Tals bis heute prägt.
Ekkehard Wulff – Die Falle
Nicht der Mythos selbst, sondern seine Deutungen haben sich im Laufe der Zeit verändert. Aus der verführerischen Sagengestalt wurde ein Denkmal – eine Bronzestatue, unbeweglich im Rhein verankert. Die Schiffer von einst sind verschwunden, doch ihr Lockruf wirkt weiter – heute medial verstärkt.
Seine Popularität reicht längst über die alten Sagen hinaus: Die modernen „Schiffer“ kommen nicht mehr mit dem Boot, sondern mit Bahn und Bus. Erfasst werden nun nicht nur die Menschen des Flusses, sondern ebenso Freizeitkapitäne und neugierige Reisende – alle folgen sie der Anziehungskraft, die sich in neuer Form fortsetzt.
So bleibt die Loreley auch als Denkmal ein Ort der Anziehung: ein Bild, das Reisende bannt, zwischen Sehnsucht und Erzählung, zwischen Erinnerung und Vermarktung.
Helmut Wagner – Ganz schön schräg
Der Titel verweist auf die extreme Steillage der Weinberge, die seit Jahrhunderten mit mühsamer Handarbeit bewirtschaftet werden. Doch im Bild verschwimmt die klare Topografie: Reben, Mauern und Hanglinien verschmelzen zu einem diffusen Ganzen. Der Hang verliert seine Schärfe, wirkt fast wie ein
Rauschbild – so, als ob man das Produkt dieser Arbeit im Übermaß genossen hätte.
Gerade darin öffnet sich eine zweite Ebene: Die Rheinromantik liebte das Bild der steilen Weinberge als Sinnbild von Naturpoesie und Fleiß, blendete aber die Mühsal dahinter oft aus. „Ganz schön schräg“ zeigt nicht den pittoresken Postkartenblick, sondern das Ineinander von Arbeit, Landschaft und Genuss – eine romantische Projektion, die ins Schwanken gerät.
Walter Nussbaum – Wernerkapelle Bacharach
Die Wernerkapelle gilt heute als Inbegriffromantischer Rheinarchitektur: eine Ruine von filigraner Schönheit, die Maler und Reisende seit Jahrhunderten fasziniert.
Doch ihre Geschichte erzählt etwas anderes. Sie wurde im 13. Jahrhundert als Wallfahrtskirche erbaut – gründete auf einer Legende, die Auslöser schwerer Judenverfolgungen am Mittelrhein war. Von Beginn an also kein Ort der Romantik, sondern ein Monument von Gewalt und religiöser Intoleranz.
Das Bild lässt diese Schwere nicht erkennen: Farben, Strukturen und der fast märchenhafte Schimmer verleihen der Kapelle einen romantischen Zauber. Doch genau darin liegt eine bittere Wahrheit: Erst das Vergessen, erst die Distanz der Jahrhunderte haben den Schleier über die Realität gelegt und erlaubt, die Wernerkapelle als „romantisches Motiv“ zu sehen. Ähnlich wie bei den Zollburgen bleibt so ein Doppelgesicht: historische Härte auf der einen Seite, romantische Verklärung auf der anderen.
Gerade darin zeigt sich, was R!R? freilegt: Rheinromantik ist nie nur Schönheit, sondern auch selektives Erinnern – ein Spiel zwischen Glanz und Schatten der Geschichte.
Ekkehard Wulff – Niedrigwasser
Auch hier wird ein Grundgedanke von R!R? sichtbar: Wir versuchen, dem Rhein auf den Grund zu gehen – nach Geschichten zu suchen, die sich in seinen Bildern und Erscheinungen verbergen.
Das Foto weckt unweigerlich Assoziationen an die Klimakrise – Wasserstände, die lange kleingeredet wurden, erscheinen hier wie eine exotische Attraktion. Touristen nutzen die Gelegenheit, den Mäuseturm zu Fuß zu erreichen, der sonst isoliert auf einer Insel steht.
Der Turm selbst trägt einen doppelten Sinn: In Legenden grausig überhöht, war er in der Geschichte Teil eines Systems der Überwachung und Kontrolle. Ob er tatsächlich eine Zollburg im engeren Sinn war, ist umstritten; wegen des gefährlichen Binger Lochs führte der Schiffsverkehr damals kaum direkt an ihm vorbei. Seine heutige Bedeutung verdankt er vor allem den Geschichten, Sagen und romantischen Bildern, die sich um ihn ranken.
So zeigt das Bild, wie sich historische Funktion, mythische Überhöhung und aktuelle Wahrnehmung überlagern – und wie der Rhein selbst im Niedrigwasser neue Geschichten erzählt.
Ekkehard Wulff – Schiffsromantik 2022
Von Romantik ist hier kaum etwas geblieben. Ein Containerschiff schiebt sich über den Rhein, der wirkt wie ein anonymer Kanal – zweckmäßig, funktional, fantasielos.
Der Strom, einst besungen und verklärt, ist heute von einem Treiben geprägt, das wie ein endloses Förderband wirkt: Containerschiffe reihen sich aneinander, monoton, zweckmäßig, ihrer Aura beraubt.
Der Titel Schiffsromantik wirkt ironisch: Er verweist nicht auf Sehnsucht oder Fernweh, sondern auf die nüchterne Realität globaler Warenströme. Der Rhein verliert hier jede persönliche Aura, er bleibt reduziert auf seine Funktion.
Und doch stellt sich im Hintergrund die Frage, ob nicht gerade in der Entzauberung ein neuer Antrieb für romantische Gedanken liegt – nicht in schwärmerischer Verklärung, sondern in der Sehnsucht, selbst im Nüchternen und Funktionalen noch Bedeutung und Poesie zu entdecken.
Adolf Eberle – Rheinblick 2
Der Titel verspricht Aussicht, doch der Blick bleibt blockiert: eine Schallschutzwand, darüber die Oberleitungen der Bahn. Der Rhein selbst ist unsichtbar, verdrängt von Infrastruktur.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts durchqueren Züge das Rheintal im Minutentakt – mal Konkurrenten der Schifffahrt, mal ihre Verbündeten. Heute sind sie das ständige Hintergrundrauschen, ein Filmton, der sich nicht abstellen lässt. Die Schallschutzwände verstärken diesen Eindruck: Sie schlucken nicht nur den Lärm, sondern auch die Sicht. Landschaft verwandelt sich in Transitstrecke, Sehnsucht in Zweckmäßigkeit.
Und doch bleibt der Titel „Rheinblick“ bestehen – als bittere Ironie, die zugleich Sehnsucht weckt. Er erinnert daran, dass der Fluss hinter der Wand weiterfließt, auch wenn er unserem Auge entzogen ist. Vielleicht liegt genau darin ein Rest von Romantik: nicht im Sichtbaren, sondern in der Vorstellung dessen, was uns verwehrt bleibt.
Annelies Kriegesmann – Eiffelturm von Niederwerth
Nein, wir sind nicht am falschen Fluss, und auch nicht in Paris. Was hier in den Himmel ragt, ist kein Monument der Weltstadt, sondern ein Strommast in Niederwerth. Alles andere ist die gezielte Inszenierung der Fotografin, die mit ihrem Bild unsere Gedanken und Erinnerungen anzapft, unsere eigene Fantasie nutzt – und uns so zu einer gelungenen Fehlinterpretation verführt.
Gleichzeitig verweist das Bild auf das, was wir am dringendsten brauchen und nie genug zu haben glauben: Energie. Unser Hunger danach macht Stromtrassen unverzichtbar. Auch wenn sie das Rheintal oft nur queren, gehören sie doch dazu. Denn ohne Strom ließe sich all das, was mit Schiff und Bahn transportiert, verarbeitet und konsumiert wird – der Pulsschlag des Flusses – nicht aufrechterhalten.
Gerade in der Entzauberung liegt der Antrieb für neue romantische Gedanken. Die Romantik erscheint hier nicht als Wiederholung alter Muster, sondern als Fluchtpunkt – als Gegenentwurf zu einer technisierten Welt. Das Bild zeigt, wie selbst nüchterne Symbole von Infrastruktur in unserer Wahrnehmung Sehnsucht und Projektionen freisetzen können.
Walter Nussbaum – Rost
Rost – nur Rost. Am Schiff, am Bagger, an der Ladung. Was einst glänzendes Eisen war – geformt zu Luxuslimousinen, zu Traumautos, zu Eisenbahnen wie dem Rheingold mit seinen Panoramawagen – ist nun von rötlicher Patina überzogen, verwandelt in Rost.
Ein stiller Prozess, der unaufhaltsam abläuft. Von Natur aus gäbe es hier kein Zurück. Doch wir Menschen geben uns nicht zufrieden, wir stemmen uns dagegen, zwingen den Prozess in die Umkehr – mit Feuer, Energie und Aufwand holen wir aus der Ladung das Metall zurück in seine edlere Form. Bis es irgendwann auch das Schiff und den Bagger erfasst, die denselben Weg gehen werden.
Der Rhein ist Teil dieser Geschichte. Tag für Tag trägt er als Lastesel der Nation Eisen und Kohle, Schrott und Erz – Schiffsladung um Schiffsladung, seit Jahrhunderten. So wird Rost zum Sinnbild eines ungleichen Dialogs: aus Eisen wird Schrott, aus Schrott wieder Eisen – und so weiter, immer weiter. Die Gier nach dem Metall scheint unstillbar, das Hamsterrad des Fortschritts dreht sich unaufhaltsam schneller.
Romantik liegt hier nicht auf der Hand. Und doch – vielleicht wird auch dieser Anblick eines Tages verwandelt. Dann erzählen selbst rostige Töne von einer Romantik des Wandels.








































