Literatur und Text
Auftakt Literatur und Text
An dieser Stelle geben wir unseren Autor:innen Gelegenheit, sich mit ihrer Person, ihren Werken und den für die Lesungen des jeweiligen Jahres vorgesehenen Texten vorzustellen. Auch dieses Mal ist das so, und unsere einzige Bitte galt der Berücksichtigung unseres diesjährigen Themas „Der Rhein als Verbindung und Trennung“. In diesem Jahr sind unsere Autor:innen sogar noch freier als sonst, da wir im Jahr 2026 auf die Lesungen verzichten, weil wir immer wieder ein Problem mit der Publikumsbeteiligung haben. Lesungen sind bekanntermaßen ein schwieriges Feld, schwieriger als Ausstellungen: Das Publikum muss sich zu einem bestimmten Termin einstellen einfinden, ist weniger anonym als bei einer Ausstellung (kann also nicht, ohne Aufsehen zu erregen, schnell wieder weg) und ist auch noch (wie wir es bisher meist gehalten haben) in einer Doppellesung „gefangen“. Das alles kann sehr gut funktionieren, wenn die Autor:innen Zugpferde sind. Mit einem „bekannt aus Film und Fernsehen“ können wir zwar sowieso nicht mithalten, aber das wollen und müssen wir auch gar nicht: Für uns am Mittelrhein reicht es schon, wenn die Autor:innen lokal über einen gewissen Bekanntheitsgrad verfügen.
Trotzdem liegt in dieser lokalen „Bekanntheit“ die größte Crux für unsere Lesungen. Sie finden nämlich im Rahmen unserer Ausstellungen statt, aber der Ort der Ausstellungen wechselt von Mal zu Mal. Häufig handelt es sich um Orte, in denen unsere Autor:innen so fremd sind wie wir vom Orga-Team, und dann fällt auch die gemeinsame Werbung lückenhaft aus. Erfahrungsgemäß reagieren die Vereine nicht auf unsere Einladungen, die Kulturinstitutionen vor Ort wittern unliebsame Konkurrenz, und so ist am Ende die Ankündigung in der Presse noch die vielversprechendste Werbung.
Anders verhält es sich, wenn unsere Lesungen in einem Haus stattfinden, das sein eigenes Publikum mitbringt. Im Jahr 2025 waren das die „Galerie unterm Maulbeerbaum“ in Badenheim bei Kreuznach und das Hotel „Auf Schönburg“ oberhalb von Oberwesel, aber im Koblenzer Löhr-Zentrum und im Alten Bahnhof von Bad Salzig hatten wir mit der vorhandenen Infrastruktur kein Glück. Im Resultat: gähnende Leere. Wir sind also den Bedingungen vor Ort fast vollständig ausgeliefert, und das ist – für RHEIN!ROMANTIK? als Veranstalter, aber auch und vor allem für die Autor:innen – ein sehr unbefriedigender Zustand. Wie wir hier Abhilfe schaffen können, wissen wir noch nicht. Deshalb unser Moratorium, das uns vielleicht zu neuen Formaten inspiriert.
An dieser Stelle wollen wir aber die Bilder und Texte präsentieren, die von unseren Autor:innen auf unseren Aufruf eingegangen sind. Die sich zurückgemeldet haben, stehen für unser Bestreben ein, eine größtmögliche Vielfalt an Literatur zu bieten. Die Belletristik ist dabei genauso vertreten wie die „Sach“-Literatur, die sich zumeist historisch (regional-, kultur- und literaturhistorisch) mit dem Mittelrheintal auseinandersetzt. Unser Oberthema der RHEIN!ROMANTIK? ist schließlich insgesamt auf die Vielfalt der künstlerischen Sparten, der thematischen Fülle und der unterschiedlichen Betrachtungsweisen hin ausgerichtet.
SE
Es ist nicht einfach – doch aufgeben werden wir nicht.
Auf „leisen Sohlen“ streift die Literatur – genaugenommen ihre Wahrnehmung – durch das üppige Feld der Kunst.
Im Rahmen der „Schreibwerkstatt“ entsteht Literatur, die inhaltlich verortet in der Landschaft des Mittelrheins ist.
Einst befeuerte die Literatur die Rheinromantik – um dann in einen satten „Dornröschenschlaf“ zu verfallen. Andere „Lieder“ wurden gesungen, dass „Drosselgassen-Echo“ tönte durch Welt. Der Rhein als Erlebnislandschaft – auf der Strecke blieb ein wenig die Literatur.
Wagen wir den Neuanfang.
Es gibt viel zu sehen und schreiben kann man darüber auch.
Bei Interesse bitte melden: MonikaBoess@gmx.net
Der Rhein und das Meer
Die Seite, die mir als Autorin von Rhein!Romantik? zur Verfügung steht, möchte ich einer anderen Autorin widmen, die mich für einen Aufsatz und Vortrag seit einem halben Jahr begleitet: Bettina von Arnim.
Irrwisch, Muse und (belletristisch-politische) Schriftstellerin, das war Bettina von Arnim (1785-1859), die mit ihrem Konterfei auf einem der letzten DM-Scheine gewürdigt wurde. In Frankfurt als Tochter eines italienischstämmigen Kaufmanns und einer behüteten Beamtentochter geboren, arbeitete sie nicht nur ihrem Bruder Clemens Brentano und ihrem Ehemann Achim von Arnim bei der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ zu, die als Inbegriff romantischer Literatur gilt. Sie empfand auch eine fast närrische Bewunderung für Johann Wolfgang von Goethe, mit dem sie über viele Jahre hinweg eine (etwas einseitige) Korrespondenz unterhielt. Diesen Briefwechsel veröffentlichte sie 1835 unter dem Titel „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“, und er enthält unter anderem etliche Vignetten über Bettinas wiederkehrende Sommer im Haus der Familie Brentano in Oestrich-Winkel im Rheingau. Für unser diesjähriges Thema „Der Rhein als Verbindung und Trennung“ habe ich den folgenden Ausschnitt (gekürzt) vom 20. Mai 1808 gewählt:
Gestern abend ging ich noch spät an den Rhein, ich wagte mich auf einen schmalen Damm, der mitten in den Fluß führt, an dessen Spitze von Wellen umbrauste Felsklippen hervorragen; ich erreichte mit einigen gewagten Sprüngen den allervordersten, der grade so viel Raum bietet, um trocknen Fußes darauf zu stehen. Die Nebel umtanzten mich; Heere von Raben flogen über mir. Wie ich umkehren wollte, da war guter Rat teuer; ich konnte kaum begreifen, wie ich hingekommen war; es fuhr ein kleiner Seelenverkäufer vorbei – dem winkte ich, mich mitzunehmen.
Mein Schiffer mit der roten Mütze, in Hemdärmeln, hatte sein Pfeifchen angezündt. Ja, sagte er, ich fahre nun schon vier Jahre alle Reisende bei Bingen über den Rhein, und da ist keiner so weit hergekommen wie ich. Ich war in Indien und war in Spanien, und hier am Rhein wirds wieder anders. Hier schlaf ich nachts keine Stunde; wers einmal geschmeckt hat auf offner See, dem kanns nicht gefallen, hier… rothaarige Holländer über die Gosse zu fahren, und sollt ich den ganzen Rhein hinunterschwimmen auf meinen dünnen Rippen, so müßt ich fort aus einem Ort, wo’s nichts zu lachen gibt und nichts zu seufzen.
Im Nachhausegehen überlegte ich, wie mein Glück ganz von dir (Goethe) ausgeht; wenn du nicht wärst im langweiligen Deutschland, so möcht ich wahrhaftig auch auf meinen dünnen Rippen den unendlichen Rhein hinabschwimmen. Wärst du mir nicht, ich weiß nicht, was ich dann wär; aber gewiß: unstet und unruhig würde ich suchen, was ich jetzt nicht mehr suche.
In anderen Briefen spricht Bettina von „tausend herrliche(n) Wegen“ am Rhein, wo sie sich außerordentlich wohlfühlte. Aber in dem gewählten Ausschnitt ist nichts von einer romantischen Verzauberung durch den Rhein zu spüren. Sie fühlt sich bedroht von den kreisenden Raben, schließt sich dem rheinverachtenden Hochseematrosen an und strebt (wäre da nicht Goethe) mit aller Macht weg. Der Rhein hat für sie keinen gesteigerten Wert, sondern allenfalls bietet seine nordseeische Mündung einen Weg aus Deutschland hinaus in die Weltmeere. Hier zeigt sich ein Zug an Bettina von Arnim, der erst mehr als dreißig Jahre später in ihren Schriften auch öffentlich manifest werden sollte, als sie von ihrem sozialpolitischen Engagement allmählich in eine transnationale oder sogar kosmopolitische Sicht überwechselte.
Interessanterweise findet sich in der modernen Rheinfotografie eine Art Inversion dieser Fluchtgedanken, die der Globalisierung geschuldet ist und den Rhein selbst als unbegrenztes Meer darstellt. Während die frühe Rheinmalerei ihr Augenmerk eher auf die umgebende Landschaft richtete und sie ins Überdimensionale rückte, passiert in der zeitgenössischen Fotografie etwas ähnliches mit dem Strom. Er zieht als internationaler Transportweg den Blick auf sich und reiht sich damit – auch physisch – in den überseeischen Handelsverkehr ein.
Susanne Enderwitz

Walter Karbach, Autor
Der Rhein hatte stets, wie jeder große Strom, Verbindendes und Trennendes. Und es gab immer Menschen, die das, was trennte, zu überwinden versuchten. Einer davon bin ich, geboren und aufgewachsen in Oberwesel. In meinen Aufsätzen und Büchern beschäftige ich mich mit den Schicksalen von Menschen, die etwas mit meinem Geburtsort verbindet.
So hat mir 2016 Ursula Poretschkin, geborene von Osterroth, ihre Erinnerungen überlassen, um sie zu veröffentlichen: In Das Uhlchen vom Schloss berichtet sie auch von dem Tag, an dem das Schloss ihrer Großeltern bis auf die Grundmauern abbrannte.
Meine Erkundungen zu einem der Oberweseler Ehrenbürger führten 2017 zu dem Buch Hanns Maria Lux und die Nazis, in dem ich Leben und Werk dieses »Dichters« einer kritischen Prüfung unterzog. Demnächst wird eine erweitere und illustrierte Auflage erscheinen.
Immer schon wollte ich wissen, was es mit dem »Haagsturm« auf sich hat. Aus meinen Recherchen entstand 2019 die illustrierte Biografie Carl Haag. Viktorianischer Hofmaler und reisender Abenteurer zwischen Orient und Okzident. Die englische Ausgabe fand den Weg zu dem heutigen König Charles III.
Im Jahre 2020 erschien mein Buch Werner von Oberwesel. Ritualmordlüge und Märtyrerkult. Über den Guten Werner, 1287 bestattet in Bacharach. Es gilt als Standardwerk zum christlichen Antijudaismus am Mittelrhein. Der Kult wurde in Oberwesel bis 1971 hochgehalten, in Frankreich hält er sich bis heute.
2023 gab ich die 1940 verfassten Erinnerungen eines jüdischen Lehrers aus Oberwesel heraus: Heinrich F. Lichtenstein: Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933. Die Kindheitserinnerungen stehen in grausigem Kontrast zu den Demütigungen, die er im Konzentrationslager Buchenwald erlitt.
Es folgte das über 600 Seiten starke Buch Die Thorafetzen zusammensetzen. Auf den Spuren der Oberweseler Juden, das ich zusammen mit Doris Spormann 2024 vorgelegt habe. Darin dokumentieren wir die Lebensgeschichten der jüdischen Familien, nur eine hat das Konzentrationslager überlebt.
Um eine tapfere Frau aus Henschhausen, deren Mann 1936 nach einer Zwangssterilisierung im St. Werner-Krankenhaus gestorben ist, geht es in Der Fall Neidhöfer. Lebenslang gegen Zerstörung und Rufmord. Eine Chronik zur Rehabilitation. Das Buch erschien 2025 und löste große Betroffenheit aus.
Als man kürzlich »90 Jahre Weinmarkt« feierte, steckte ich tief in der Arbeit an einer Chronik der Jahre 1933–1948, die demnächst erscheinen wird. Mein illustrierter Beitrag „Da trink‘ ich das feurige Blut“ – 90 Jahre Weinmarkt in Oberwesel am Rhein (1935–2025) erschien 2025 vorab im Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte. Alle Bücher sind erhältlich unter verlag.josef.karbach.nachf@t-online.de
Jahrgang 1940, als Kriegs-Halbwaise aus einer Arbeiterfamilie in Rüsselsheim kommend, bin ich im weiten familiären Umkreis „First academic“. An den Universitäten Mainz und Marburg kam ich über Theologie, Germanistik, Politische Wissenschaft zum Studium der Volkskunde/Europäischen Ethnologie/Empirischen Kulturwissenschaft (wie das Fach heute heißt). Später habe ich in Frankfurt am Main in der Kulturverwaltung und im Völkerkunde-Museum gearbeitet, habe in Wien habilitiert und in Wien, Salzburg und Innsbruck im Fach Europäische Ethnologie gelehrt. Nach meiner Pensionierung war ich als unabhängiger Sachverständiger Mitglied der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages, habe Politikberatung betrieben. Dass ich daneben in den frühen 1980er Jahren dazu beigetragen habe, am Beispiel der europäischen alpinen Regionen die Formel vom „Sanften Tourismus“ mit Leben zu füllen, sei hier am Rande erwähnt. Jetzt lebe ich in der Rheinland-Pfälzischen Provinz im Gebiet der Bundesgartenschau 2029. Es ist die Heimatregion meiner Eltern, die aus Zorn und Nastätten stammten.
Mit meinem Nachdenken über die Entwicklungsmöglichkeiten meiner Region verfolge ich ein doppeltes Ziel: Erstens geht es mir um die Frage, wie eine Welterbe-Region unter den aktuellen Herausforderungen überleben und Lebensqualität für ihre Bewohnerinnen und Bewohner auch in Krisen sichern kann, und zweitens, wie können von ihr Anregungen und Impulse ausgehen, die für andere interessant sind.
Buchveröffentlichungen (Auswahl):
Der sanfte Tourismus, Wien 1983; Tourismuspolitik. Münster 1990;
Aus der Region – für die Region, Wien 1996;
Handlungsfeld Kultur. Essen 1996;
Von der Notwendigkeit der Kulturwissenschaft. Marburg 1997;
Alte Schätze und neue Weltsichten. Frankfurt am Main 2005;
Von der Freizeitplanung zur Kulturpolitik. Frankfurt am Main 2011;
Kulturpolitik neu erfinden. Essen 2012 (Kulturpolitische Gesellschaft. Texte zur Kulturpolitik 28); Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften. Marburg: Jonas Verl. 2013;
Fremde gehören Immer dazu. Weimar. VDG Weimar/Bauhaus-Universitätsverlag 2016;
Konsumwelten und die Krise der Wachstumsgesellschaft. Marburg/Weimar 2016;
Es gibt ein Genug. Lebensqualität, Enkelgerechtigkeit und die kulturellen Dimensionen zukunftsfähigen Lebens. München 2019.
Kultur und Politik: Die Bedeutung kultureller Prägungen. Köln 2021.
Gemeinsinn und Kreativität. Geschichten vom Mittelrhein und der Lahn. Lahnstein: Imprimatur Verlag 2022. 978-3-947874-10-1.
Dieter Kramer
Fährmann, hol über…
Dort, wo der Rhein sich in das enge, felsige Flussbett drängt, durchfließt er eine Landschaft, die Zeitlosigkeit ausstrahlend sich in einem verwunschenen Kokon zu befinden scheint. Doch ist der Rhein über Jahrhunderte hinweg ein Grenzfluss gewesen, was der Region nicht allzu gutgetan hatte. Zu viele Kriege durchzogen das Tal, verwüsteten die Städte, ließen Zerstörung und Elend zurück. Leben am Rhein bedeutete immer eine Gratwanderung. „Too beautiful“, das liegt im Auge des Betrachters.
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Der Weinberg im Steilhang der Lorcher Gemarkung „Seligmacher“ war durch einen Erbgang in den Besitz der Familie Müller in Oberwesel gekommen. Um die Jahrhundertwende hatte Müllers Margret einen Winzer aus Kaub geheiratet. Eheschließungen „uff die anner Seit“ waren selten, und Josef zudem ein „Evangelischer“, woran Margrets Familie zu „knabbern“ hatte, was nicht heißen sollte, dass Josefs Angehörige großzügiger gewesen wären.
Zur Kerb kam Margrets verwitweter Bruder Karl mit seinen kleinen Töchtern nach Kaub. Seltsam still verhielten sich die sonst so lebhaften Mädchen während der Überfahrt. Gruselig und unergründlich tief erschien ihnen der Rhein.
Später saßen sie in der hellen, gemütlichen Stube der Tante Margret. Auf den Fluss konnten sie schauen, über dem sich irgendwann die Abenddämmerung senkte. Der Aufbruch war nah. Freundliche Stunden hatten sie im Hause der Tante verbracht – doch da war gleich wieder der Rhein…!
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Kinderlos war die Ehe von Josef und Margret geblieben, und nach ihrem Tod erbte Karl den Lorcher Weinberg. Eine seiner Tanten stichelte: „Den evangelischen Krempel in Kaub häsch de wohl aach gern eingesteckt, doch do hot dir dei Schwager en Strich durch die Rechnung gemacht!“ Der Fassküfermeister Karl Müller wollte sich nicht als Erbschleicher vorführen lassen. Sie solle ihr Schandmaul halten, lautete sein Bescheid, was zu einem generationenübergreifenden Bruch in der Familie führte. Abenteuerliche Geschichten rankten sich um Margrets Erbe. Eine lautete, Karl habe seiner Schwester auf dem Sterbebett „die Hand geführt“. Tatsächlich hatte Josef den Weinberg in Lorch schon zu seinen Lebzeiten Margret übertragen. Der Rest des Besitzes fiel an seine Familie zurück.
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Die übers Jahr anfallenden Arbeiten im Weinberg erledigte ein Lorcher Winzer, doch zur Weinlese ging es „riwwer“. Die Ernte musste eingefahren werden, sonst hätte man den Wingert gleich verpachten können.
Eine gewisse Unruhe herrschte bereits am Vortag im Hause Müller am „Schaarplatz“. Entfernte Verwandte aus Perscheid hatten sich eingefunden. Laut und unordentlich breiteten sie sich in den Räumen aus. Bei der Weinlese würden sie helfen. „Gesocks“, sagte Käthi und ihre Schwester Liesel meinte: „Zum Glück sin se bald wieder weg!“
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Früh begann der Tag. Der Fluss lag im Nebel. Hohe Pappeln reckten sich den Ufersaum entlang und hinter Schilfwänden raschelte es. Durch den niedrigen Wasserstand waren die Kribben stark hervorgetreten. Käthi musste unwillkürlich an den Tiefgang denken, welcher der Kahn mit den beladenen Bütten später haben würde. Irgendwo da draußen auf einer Sandbank aufzusetzen, erzeugte einen Schauer in ihr, wie auch die Nebelfetzen, zwischen denen das jenseitige Ufer hin und wieder auftauchte.
Hermann Köster, der Fährmann, schob den Kahn zum Wasser vor. „Was ne Soße!“, rief die Perscheider Anne auf den Nebel deutend.
„Verirrst de dich aach nit?“, ging ihre Mutter den Fährmann an.
„De Nebel löst sich uff, gut Fraa!“, erwiderte er.
Die Perscheider drängelten sich vor. Hockten breit und schwer im Kiel des Kahns. Als Käthe und Liesel die leicht schwankenden Planken betraten, griffen ihre Finger gewohnheitsmäßig nach den Rosenkranzperlen in den Taschen ihrer Schürzen. Die lauten Verwandten wurden vom Fährmann ermahnt, auf den Bänken ruhig sitzen zu bleiben und die Schaukeleien zu unterlassen.
Der Kahn stieß vom Ufer ab.
Dicht und dichter wurde der Nebel. Dem „Lorcher Werth“, langgezogen bis in den „Bächergrund“, kam der Kahn an seiner äußersten Spitze ziemlich nah.
„Du, Käthi!“, sagte Liesel, „do uff de Insel is de Kunnes oft gewese!“
„Wie kimmt der do hin?“
„Ei, mit seinem Narre!“
Käthi verzog den Mund. „Dem Haufe Rost do?“
„Er sagt, es sei halb so schlimm!“
Sie schwiegen wieder, und auch die Perscheider hatten ihr Geschnatter eingestellt. Der dichte Nebel über dem Fluss schüchterte sie ein.
Karl Müller und Hermann Köster sprachen leise miteinander. „Macht die Bütte nit so voll. Mir wolle nit uff Grund laafe!“
„Kee Sorge, der Jahrgang, is bescheide, Hermann!“
„Dei Mädcher, Karl!“, meinte Köster mit Blick zu Käthi und Liesel hin, „die sin nit so gern uff em Wasser!“
„Die stelle sich do ebbes an!“
„Sin nit nach de Mudder geartet!“
„Jo, die Erna war ne Wasserratte!“
Die beiden Männer nickten sich zu.
Wie ein Fisch war Erna durchs Wasser geglitten. Die Oberweseler Buben durften staunen. Salmfänger war ihr Vater, der Backe Franz. An der „Loreley“ warf er seine Netze aus. Die Backs lebten am und mit dem Fluss, der bei aller Vertrautheit ein unberechenbarer Geselle blieb, dann wenn sich das Eis „stellte“ und in grimmiger Winterkälte beide Ufer verband, um im Tauwetter seine zerberstenden Eismassen gegen die Ufer zu schleudern, oder wenn nach der Schneeschmelze die Fluten sich ins Tal wälzten und alle Orte überschwemmten. Hochwasser war ein gar nicht seltenes Vorkommnis. Gefürchtet und niemals gebannt.
Das Ufer kam näher.
Die Perscheider sprangen von den Bänken auf. Gefährlich schaukelte der Kahn. Ein Donnerwetter, stieß der Fährmann aus. Anne, ihre Mutter und die Brüder Hans und Lorenz, setzten sich kleinlaut wieder hin.
An einem Boller vertäute Hermann den Kahn. Aufatmend stiegen Käthi und Liesel aus. Endlich wieder festen Boden und keine schwankenden Planken unter den Füßen.
Heimlich dachten sie an die Rückfahrt schon.
Der „Seligmacher“, ein Wingert im Steilhang mit schmalen Treppenstufen, brüchigen Mauern und abschüssigen Pfaden. Die Riesling-Rebe gedieh im tiefgründigen, kalkhaltigen Löß. Abwechselnd trugen Lorenz und Hans den Legel. In schmalen Zeilen hoch und runter ging es über loses Schiefergestein. Das Gespann des Lorcher Winzers wartete unterhalb des Wingerts im Fahrweg.
Die Sonne brach aus der Nebelbank. Es leuchtete das Land. Die Dächer des Städtchens schimmerten und über dem nahen Wald zog ein Roter Milan.
Schnell ging die Arbeit voran, auch als nach der ersten Pause die Korbflasche geleert und die Fleischwurst aufgegessen war. Erste Abendschatten zogen an den gegenüberliegenden bewaldeten Berghügeln auf, wohingegen die Lorcher Seite im sanften herbstlichen Sonnenschein ruhte.
„Do driwwe is die dunkel Seit!“, wunderte sich Liesel.
„Jo, do is es gar nit so hell!”, staunte auch Käthe.
**
Vollbeladen war der Kahn. Hermann sagte, es gehe gerade noch so. Karl setzte sich auf die Bank neben dem Ruder. Käthe und Liesel nahmen hinter den Bütten Platz. Die Perscheider waren in einem Kauber Wirtshaus eingekehrt. Es waren arme Leute, die als Tagelöhner auf der Hunsrückhöhe hausten. Letztes Jahr war der Philipp am Anleger ins Wasser gefallen. Er hatte es gerade noch mit Hermans Hilfe zum Ufer geschafft, bevor er abgetrieben worden wäre, zu den „Kreuzbänken“ rüber. Dieses Jahr war er nicht mit dabei, doch seine Schwester Anne schien ein arg lustiges Ding zu sein. Geschäkert hatte sie zuerst mit dem Hermann, dann mit dem Winzer aus Lorch, und jetzt mit einem Privatier, der seinen Hund in den Weinbergen spazieren führte. Er hatte die ganze Bande ins Wirtshaus eingeladen.
Ein letzter Sonnenstrahl. Wie in flüssiges Gold getaucht war der Fluss. Die Spitze vom „Lorcher Werth“ tauchte auf. Trauerweiden ließen matte Äste im Wasser treiben. Dahinter ein Gewirr an Zweigen. Von Dunkelheit beladene Blätter und trockene Blüten streiften den Kahn.
„Jetzt hon mir es bald geschafft!“, seufzte Käthi und ihre Finger tasteten die Perlen des Rosenkranzes ab.
Aus der Kurve am „Kammereck“ näherte sich ein Dampfer. Musik auf dem Oberdeck. Wie ein fettes Ungeheuer schob der Rumpf die Wellen vor sich her.
„Das is die Barbarossa, en Doppelstocksalondampfer. Frisst die Kohle nur so weg. Bin Heizer druff gewese!“, erzählte Hermann.
„Un wie war das so mit de feine Leit?“, fragte Karl.
„Die kriegst de nit zu Gesicht, Karl!“
Kratzend schleifte Kahn über den Kieselgrund.
Sie hatten das Ufer erreicht.
Auf einem umgekippten Nachen sitzend klopfte Hannes seine Pfeife aus. Das Gespann mit dem Ardenner Kaltblut führte er zum Ufer rüber. Mit den beiden Küfergesellen aus der Müller’schen Werkstatt lud er die Bütten auf. Ins Kelterhaus ging es jetzt. Liesel wich nicht von seiner Seite. Eine halbe Nacht würden sie an der Kelter stehend die Trauben pressen. Es lag der süße Hauch der Trester seit Tagen über der Stadt.
Käthi und ihr Vater holten Korbflasche, Legel und all den anderen Kram aus dem Kahn. Hermann gesellte sich dazu.
„Das hätte mir geschafft, Karl!“
„Uns hot de ganze Tag iwwer die Sonn geschiene, Hermann!“
„Du, ich wart‘ uff de Rege, bevor mir niwwer laafe könne!“
Käthi kicherte.
„Das dääd dir so gefalle, Käthi?“
„Will gar nit wisse, was do zum Vorschein kimmt!“
„En fetter Wels, wie der aus em Urbacher Grund!“
Geschrei und Gejubel klang vom anderen Ufer her.
„Die Perscheider!“ Hermann grinste. „Kimmsch de mit, Käthi?“
„Kee zehn Pferde kriege mich do druff!“
Hermann Köster schob seinen Kahn in den Fluss.
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Ihr Leben lang erinnerten die Schwestern Müller sich an die Überfahrten zur Weinlese in Lorch. Im Rückblick hing der Kahn immer zu tief im Wasser drin, und ein Schubverband habe sie beinahe gerammt, und dann, ja, ja… Der Köster Hermann hatte eine Branntweinfahne gehabt. Mit der Perscheider Anni vertrug er sich gut.
So nah, so fern – das jenseitige Ufer. Nie verloren sie ihren Respekt vor dem Fluss. Rätselhaft blieb er ihnen. Ominös und unheilvoll. Von Käthi, der Modistin, war bekannt, dass sie kilometerweite Umwege über die „Schiersteiner Brücke“ mit dem Auto fuhr, wenn sie zu Kundschaft in den Rheingau musste. Nie hätte sie sich auf die Autofähre an der „Engelsburg“ gewagt.
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Der Weinberg blieb lang im Familienbesitz. Liesel und Hannes gaben ihn an ihre Kinder, und diese an ihre Enkel weiter, die ihn dann im Rahmen einer Flurbereinigung veräußerten.
Monika Böss
Zur Person:
Christiane Ulmer-Leahey lebt in der Nähe von Koblenz. Sie publiziert auf Deutsch und auf Englisch. Außer ihren Beiträgen in fachwissenschaftlichen
Zeitschriften schreibt sie Kurzgeschichten und Gedichte. 2015 erschien der Roman “Müpfel”. Dr. Ulmer-Leahey arbeitete in Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie promovierte an der University of
Wales, Bangor und hat eine Fellowship des Chartered Institute of Linguists „ Es ist die Rückkehr von einer längeren Reise. Der Weg führt über Mainz rheinaufwärts und ich freue mich. Die Strecke bis Koblenz durch das Rheintal, ob mit dem Zug oder mit dem Auto, lässt mich jedes Mal spüren. „Jetzt bist du zuhause.“
Dieses Gefühl der Vertrautheit und der innigen Verbundenheit, ist das Heimat? Seit Kindertagen fahre ich diese Strecke, früher zu den Großeltern, später an den
Wochenenden, vom Studium zurück ins Elternhaus. Ich kann die Namen der kleinen Städte und Dörfer entlang des Rheins der Reihe nach auswendig aufsagen und kenne beinahe alle Biegungen des Flusses. Das verleiht Sicherheit.
…
Das Rheintal war von jeher ein Ort, an dem sich Menschen aus vielen Ländern
begegneten. Unterschiedliche Kulturen prallten aufeinander, was zwangsläufig zu
Konflikten führte. Auseinandersetzungen verliefen mal mehr, mal weniger friedlich,
schließlich lernte man miteinander auszukommen. Ein oder zwei Generationen
später sind dann die Nachkommen der Einwanderer Teil der Bevölkerung geworden. Oft zeugen nur noch die Nachnamen, woher die Ahnen heutiger ‚alteingesessenen Rheinländer‘ einmal kamen.“


Christiane Ulmer-Leahey
….
www.ulmerleahey.wordpress.co