Aus unserer Werkstatt

„Werkstattbericht – Über das Innenleben eines Ausstellungskatalogs“
Hinter jedem Ausstellungskatalog steckt mehr als nur Kunst: Kontakte, Planung, Organisation und das oft unsichtbare Zusammenspiel vieler Beteiligter. Dieser Text gibt Einblick in den Alltag von RHEIN!ROMANTIK? – zwischen Orga-Team, Künstler:innen, Logistik, persönlichen Perspektiven und kollektiver Erfahrung. Er zeigt, wie Kommunikation, Reibung und Kooperation das Projekt prägen – und wie aus Vielfalt ein gemeinsamer Ausdruck entsteht.

3. Aus unserer Werkstatt

Wer einen Ausstellungskatalog wie diesen in Händen hält, denkt in der Regel wenig darüber nach, dass es sich dabei nur um die kondensierte Form der Arbeit vieler Einzelner über einen langen Zeitraum zu einem gemeinsamen Thema handelt. Wie sieht das bei RHEIN!ROMANTIK?  aus? Die Maler, Fotografen und Autoren schaffen ihre Kunst, die dann einen Auswahlprozess durchläuft, um schließlich an öffentlichen Orten präsentiert zu werden. Um diese öffentlichen Orte zu finden und zu bespielen, bedarf es zahlreicher Kontakte und Absprachen, einer genauen Ausstellungsplanung und ihrer handwerklichen Umsetzung. Jemand muss die Vernissage vorbereiten, die Redner verpflichten, das Begleitprogramm erstellen, die Einladungen verschicken und den Auf- und Abbau verantworten. Das sind nur einige der Tätigkeiten, die in den Monaten vor einer Ausstellung anstehen, und dabei spielt die Komposition des Katalogs zwar eine wichtige Rolle, aber letztlich nur eine Rolle unter vielen andern.

Deshalb haben wir uns entschlossen, diesem Katalog ein eigenes Kapitel „Aus unserer Werkstatt“ beizugeben, das ein paar Einblicke in unseren Alltag geben soll. Zu diesem Alltag gehört auch unser Umfeld, in dem wir uns als Maler oder Fotografen, als Mitglieder des Orga-Teams, als Wissenschaftler oder Autoren bewegen. Es ist ein Umfeld, das seinerseits Rückwirkungen auf unsere Interessen, unsere Arbeit und überhaupt unsere Tätigkeiten hat. Das betrifft vieles: die Geschichte des Mittelrheintals ebenso wie seine Geographie, unsere Auseinandersetzung mit der Kunst ebenso wie unsere je ? eigenen Zugänge und das Gelingen unserer Arbeit ebenso wie unsere Rückschläge. All die kürzeren oder längeren Texte, die in diesem Kapitel versammelt sind, entspringen der persönlichen und subjektiven Sicht von Einzelpersonen, die in der einen oder andern Funktion an RHEIN!ROMANTIK? mitarbeiten. Einige davon können durchaus kontrovers gelesen werden, ja manchmal widersprechen sie einander, weil sie ein- und dieselbe Sache von unterschiedlicher Warte aus betrachten. Wir wollen diese unterschiedlichen Sichtweisen nicht miteinander zu harmonisieren versuchen, denn sie beleben ja unseren Diskurs.

Natürlich sollen diese Texte in erster Linie den Lesern des Katalogs einen Einblick in unsere Arbeit bieten, sie dienen aber auch der Kommunikation untereinander. Häufig sehen die Beteiligten an RHEIN!ROMANTIK? einander allenfalls zu den Vernissagen, die in der Regel sehr gut besucht sind. Aber im Alltag haben die Maler untereinander, die Maler und Fotografen oder gar die Maler, Fotografen und Autoren nur selten Kontakt miteinander. Im Orga-Team merken wir das bei jeder neuen Ausstellung, wenn es schon im Vorfeld schwierig ist, Freiwillige für die Aufsicht der Ausstellung zu organisieren. Deshalb kann dieses Kapitel auch als ein Beitrag gelesen werden, das Orga-Team, die Teilnehmer an den Ausstellungen/Lesungen sowie das Publikum im gemeinsamen Interesse an der Rheinromantik näher zueinanderzubringen.

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„Die Sieben Jungfrauen – Sage, Moral und Gegenwart“
Die Geschichte der sieben Felsspitzen bei Oberwesel erzählt mehr als nur eine Sage. Von der romantischen Bestrafung der heiratsunwilligen Frauen über satirische und feministische Neuinterpretationen bis hin zur heutigen Bildwelt von RHEIN!ROMANTIK? zeigt dieser Beitrag, wie sich Bedeutungen wandeln. Er spürt der moralischen Konstruktion von Weiblichkeit nach – und fragt, was die Sage heute noch erzählt: über Geschlechterbilder, Erinnerungskultur und den Umgang mit Mythos in einer reflektierten Gegenwart.

 

Die Sieben Jungfrauen von Oberwesel

Der Kerninhalt der „Sieben Jungfrauen“ ist schnell erzählt: Früh schon wurden die schönen Töchter des Herrn der Schönburg (Oberwesel) zu Waisen, und das scheint ihrer Entwicklung gar nicht gut bekommen zu sein. Anstatt sich unter den zahlreichen Bewerbern um ihre Hand einen Ehemann auszusuchen, spielten sie mit den Gefühlen der anreisenden Ritter und entzogen sich fortgesetzt ihrer Verheiratung. Zur Strafe für ihr renitentes Verhalten wurden sie in die sieben Felsspitzen verwandelt, die sich bei Niedrigwasser aus dem Rhein bei Oberwesel erheben.

Damit ist eine vielleicht sogar ziemlich alte Überlieferung umrissen, deren wichtigste Aufgabe darin zu bestehen schien, gleich zwei ungelöste Fragen plausibel, wenn auch nicht historisch zu beantworten: die Herkunft des Burgnamens Schönburg (die schönen Fräulein) und der Felsen im Rhein (die bestraften Fräulein). Erst im 19. Jahrhundert machten sich etliche Dichter und Schriftsteller über diese dürre „Ätiologie“ (Frage nach den Ursachen) her, um ihr ein romantisches, moralisierendes und später auch satirisches Gepräge zu verleihen. In einer frühen Gedichtfassung von Niklas Vogt (1811) ist es sogar die Muttergottes selbst, die sich der Bestrafung der Jungfrauen für ihr frivoles Spiel mit den Männern annimmt. In der Version von Adelheid von Stolterfoth (1835) hingegen sorgt die Nixenkönigin Lurley dafür, den Freitod eines verschmähten Ritters mit der Versteinerung der Jungfrauen zu ahnden.

Galt es in der Zeit der Romantik mehr oder weniger als ausgemacht, dass man als Frau nicht ungestraft gegen den Sittenkodex verstößt und die übliche Frauenrolle verweigert, so trat zuallererst Heinrich Heine (1845) dieser moralisierenden Deutung entgegen und veröffentlichte ein satirisches Gedicht über solch eine unmoralische Frau. Eine Pfalzgräfin namens Jutta hat sieben Ritter eigenhändig umgebracht, und dass die Leichen ihr nun im Sog ihres Kahns mit verrenkten Gliedern hinterherschwimmen, betrachtet sie als guten Witz. Andere moderne Deutungen des Typus der spröden Frau folgten, und die jüngste davon stammt von Margret Drees (2019), die wiederum direkt auf die Oberweseler Jungfrauen zurückgreift. Eine Nonne hat bei einem Kreuzworträtsel-Wettbewerb ein Ausflugs-Wochenende gewonnen, das sie mit sechs weiteren Schwestern – alle tauschen dafür ihren Habit gegen Zivilkleidung aus – ins Burghotel der Schönburg führt. Im Hotel stoßen die Frauen auf eine Freundesgruppe von Männern, die sich Sex mit ihnen versprechen. Die Nonnen entziehen sich aber den Annäherungsversuchen, und die Männer schauen in die Röhre.

Diese Kurzgeschichte ist ein Modernisierungsversuch des Stoffes, der zwar das Recht auf weibliche Selbstbestimmung hochhält, sie aber immer noch in den Rahmen einer bürgerlichen Geschlechtermoral stellt. Daher die Nonnen – Jungfrauen per Definition -, die im Zeichen von „Me Too“ aber gleichzeitig etwas altertümlich wirken. Mit anderen Worten: Auch Nicht-Jungfrauen hätten jedes erdenkliche Recht gehabt, sich die enthemmte Männergruppe vom Leib zu halten. Und auch in vorromantischer Zeit scheint niemanden die Frage bewegt zu haben, ob die „Sieben Jungfrauen“ noch über ihre Jungfräulichkeit verfügten. Ihr Vergehen bestand in ihrer Heiratsunwilligkeit, aber damit befinden wir uns auf einer anderen Diskursebene.

Überdies verschob sich bereits im 19. Jahrhundert das Interesse an den „Sieben Jungfrauen“ allmählich von der Sage und ihrer Moral auf die Praxis und ihre Pragmatik, jedenfalls in der Schifffahrt. Einst hatten die ortsansässigen Schiffer die Sage am Leben erhalten, weil sie Besucher zu den Felsen lockte. Mit Einführung der Dampfschifffahrt ging es jedoch weniger ums kleine als ums große Geschäft, und so kam die Forderung nach einer Sprengung der Felsen auf. Bis heute allerdings umsonst: Immer noch befinden sich die Felsen im Rhein, und Denkmalschutz, Landschaftsbildschutz und Touristik werden wohl auch weiter dafür sorgen. Das Geheimnis der Rheinfelsen wirkt fort, und es kommt auch in den Bildern aus dem Bestand von RHEIN!ROMANTIK? zum Vorschein, die ihm eine wahlweise märchenhafte oder düstere Aura verleihen. Und doch macht sich auch hier „Me Too“ bemerkbar, denn manche Bilder drücken auch Empathie mit den – mal noch figürlichen und mal schon versteinerten – „Sieben Jungfrauen“ aus. Auf dem Bild „Die Legende über sieben junge Frauen“ flüchten die ätherischen Geschöpfe in die Welt der Sterne, die aber auch als Welt der Flechten und Moose gelesen werden kann. Und auf dem andern Bild „Vertreibung der sieben Jungfrauen“ hegen Poller aus Eisen die Felsspitzen ein, offenbar um die Welt der Schiffer von ihren gefährlichen Strudeln fernzuhalten.

Literatur:

Klaus Graf: Die Sieben Jungfrauen bei Oberwesel. Eine poetische Anthologie von Gedichten und Prosatexten zur Geschichte einer Rheinsage von 1811 bis 1928. In: Hansen-Blatt 64 (1999), Nr. 52, S. 61-72.

Margret Drees: Die sieben Jungfrauen. In: Dies., Die 7 Jungfrauen und das Traumwochenende. Alte Rheinsagen – in die Neuzeit versetzt. Simmern: Pandion Verlag 2019, S. 34-42.

Susanne Enderwitz

„Die europäische Loreley – Vom Erinnerungsort zum Eventplatz“
1951 treffen sich 35.000 Jugendliche aus Europa auf der Loreley – ein demokratisches Zeichen der Verständigung nach dem Krieg. Heute erinnert kaum etwas daran. Der Text spannt den Bogen vom historischen Ausrufezeichen zum gegenwärtigen Fragezeichen: Was bleibt von kulturellem Erbe, wenn es zum touristischen Erlebnisprodukt umgebaut wird? Zwischen Mythosinszenierung, politischen Absichten und neoliberaler Vermarktung fragt der Beitrag nach dem demokratischen Gehalt der Loreley von gestern und heute.

Die europäische Loreley

Die Initiatoren der Gruppe „RHEIN!ROMANTIK?“ haben im Titel des Projekts ein Ausrufezeichen und ein Fragezeichen untergebracht. Ich versuche, beiden gerecht zu werden.

Bei dem Ausrufezeichen denke ich zuallererst an ein Ereignis ganz hier in der Nähe, nämlich an die Europäischen Jugendtreffen von 1951 auf der Loreley oberhalb von Sankt Goarshausen. Mit diesen internationalen Jugendbegegnungen war indirekt die Aufforderung verbunden, im Sinn der 1946 gegründeten Vereinten Nationen Gemeinsamkeit und Frieden auf dem europäischen Kontinent zu fördern. Diese Jugendtreffen waren für Deutschland nach 1945 und für Europa insgesamt außerordentlich wichtig, aber heute sind sie weitgehend in Vergessenheit geraten. Dass die Loreley seit ihrer jüngsten Umgestaltung ebenfalls nicht mehr daran erinnert, ist für die demokratische Erinnerungskultur höchst nachteilig.

Seit 1947 veranstaltete die Mainzer Universität internationale Sommerkurse mit Teilnehmern aus vielen europäischen Ländern, auch und vor allem aus Frankreich. Aus diesen Sommerkursen erwuchsen die Europäischen Jugendtreffen, deren Höhepunkt eine Abfolge von Jugendlagern in der Zeit vom 20. Juli bis 6. September 1951 darstellte. Unter dem Motto „Jugend baut Europa“ fanden sich auf eine französische Initiative hin 35.000 Jugendliche auf der Loreley zusammen, wobei der rheinland-pfälzische Jugendring die Vorbereitung und Durchführung übernahm. Junge Menschen aus 14 Nationen kamen hier zusammen (60 Prozent Deutsche, 20 Prozent Franzosen, dann Briten, Belgier, Niederländer und Italiener).

Politische Fragen standen zwar im Hintergrund, aber es kam trotzdem zu politischen Auseinandersetzungen. Der „Rheinische Merkur“, einst von dem in unserer Region beheimateten Joseph Görres (1776-1848) als konservativ-katholische Zeitung gegründet, klagte in seiner Ausgabe vom 17. August 1951: „Loreley mit rotem Haar“. Er vermutete eine kommunistische Infiltration dieses Treffens und machte sie u.a. daran fest, dass Kritik an einer möglichen deutschen Wiederbewaffnung und am spanischen Franco-Regime geübt wurde. Es wäre allerdings ein Wunder gewesen, wenn in diesen Jahren internationale Jugendtreffen ohne sozialistische, pazifistische und europapolitische Themen stattgefunden hätten. Trotz finanzieller Kürzungen wurden nach diesem Höhepunkt auch weiter Jugendtreffen ähnlicher Art veranstaltet, die in das 1963 gegründete Deutsch-Französische Jugendwerk mündeten. Später gab es auf der Loreley regionale Schulsportwettbewerbe, an die sich ältere Einheimische noch gerne erinnern.

Soweit mein erstes Ausrufezeichen zur „RHEIN!ROMANTIK?“.

Vergessen ist allerdings auch, dass im Kalten Krieg im Zusammenhang mit der von Konrad Adenauer geförderten forcierten Westbindung ungefähr zur gleichen Zeit im rheinlandpfälzischen Kloster Himmerod in der Eifel über die Wiederbewaffnung der neuen Bundesrepublik Deutschland gesprochen wurde. Nicht gern erinnert wird auch daran, dass es im deutschen Teilstaat Pläne gab (und wohl auch Vorbereitungen getroffen wurden), im Falle eines Krieges mit der Sowjetunion die Loreley in den Rhein zu sprengen, um durch die dann entstehende Überschwemmung in der Rhein-Main-Ebene den Vormarsch der Sowjettruppen zu behindern. Die Stollen und dahin führende Feldbahngleise für den Sprengstoff waren noch lange oberhalb des Eisenbahntunnels zu sehen.

An dieser Stelle krümmt sich mein Ausrufezeichen schon in Richtung eines Fragezeichens.

Wie ging es weiter mit der Umgestaltung der Loreley bis in die Gegenwart? Nach den jüngsten Veränderungen ist die Loreley für demokratische Treffen der genannten Art nicht mehr zu nutzen, da sie in einen rummelplatzähnlichen touristischen „Event“-Platz verwandelt worden ist. In den gewachsenen Fels ist eine Schneise gesprengt worden, durch die man wie auf einer Opferprozessionsstraße bis zur Felsspitze geht. Auf den Fels Loreley selbst wurden neue Felsen aus Grauwacke mit bis zu zwanzig Tonnen schweren Einzelstücken transportiert. Aus ihnen wurden „Hör-Felsen“ erschaffen, die – wenn’s funktioniert – in verschiedenen Sprachen Texte zum sogenannten „Mythos der Loreley“ abspielen. Parallel dazu entstand eine „Mythos-Halle“ mit einem riesigen Glaskristall auf dem Dach, die einerseits eine Ausstellung mit dem Titel „Der Loreleyfels gibt sein Geheimnis preis“ beherbergt, andererseits aber die Installation eines in Scheiben geschnittenen, zur Kuppel strebenden Felsens „durch Klang, Licht und Nebel“ (SWR, 12.8.2024) inszeniert. Was denn jetzt, Mythos, Mythosdekonstruktion, Scheinmythos oder Neumythos oder alles zugleich?

Mit der Umgestaltung der Loreley sollen Touristen angelockt werden. Der Tourismus in der Region wird so organisiert, als blicke man durch eine Brille, mit der alles, was Euro oder Dollarzeichen erkennen lässt, besonders hervorgehoben wird. In der Broschüre „ZIRP. Geschichten für die Zukunft. Kulturregionen in Rheinland-Pfalz. Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz. Mainz 2021“ ist beispielhaft erkennbar, wie Kultur im Zusammenhang mit dem Tourismus Marktregeln unterworfen wird. Angestrebt wird „TOP-Leistung für TOP-Erlebnis“ (ebd., S. 90) und die Erzeugung einer „neuen Nachfrage für Kulturerlebnisse“.

Das „Geschäftsfeld Kultur“ entwickelt baukastenartig seine Angebote und stellt sie gelenkt zum Verkauf. „Kulturelle Marktplätze sind u.a. über Multiplikatoren zu bespielen. Künftig sind vertriebsbasierte Alleingänge der unterschiedlichen Kulturinstitutionen in Rheinland-Pfalz durch gelebte Partizipation nach Möglichkeit zu vermeiden. Auf diesem Marktplatz geht es darum, zuerst das vielfältige kulturelle Angebot in Rheinland-Pfalz zu strukturieren und anschließend dieses über neue, digitale und analoge Vertriebskanäle einer sehr wertschöpfungsintensiven Zielgruppe zugänglich zu machen.“ (Koch, Jasmin, Projektmanagerin Geschäftsfeld Kultur bei der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH, Sag´s Deinen Freunden: Touristische Geschäftsfelder für Rheinland- Pfalz, in: ZIRP 90-92, 91).

Es wird aus der Vielfalt des Bestehenden ein „Produkt“ als Erlebnisangebot entwickelt, das dann – ich hebe das noch einmal hervor – an eine „sehr wertschöpfungsintensive Zielgruppe“ vermittelt wird: Das ist neoliberale marktwirtschaftliche Verwandlung des kulturellen Erbes in warenförmige verkaufbare Angebote für wohlhabende Leute. Weniger kaufkräftige Gruppen werden auf die Jugendherbergen verwiesen.

Dass Tourismus in der Demokratie anders aussehen kann, dass er auch etwas mit dem Recht aller auf Erholung und mit Gesundheitsvorsorge, aber auch mit Sensibilisierung für Nachhaltigkeit oder mit der Erinnerung an die Geschichte der Demokratie zu tun hat, spielt keine Rolle. Diese Aufgabe wird an die „Landeszentrale für politische Bildung“ verwiesen.

So ergänzt am Schluss mein Fragezeichen das Ausrufezeichen vom Anfang.

Dieter Kramer

„Der Freistaat Flaschenhals – Romantik aus der Not geboren“

Zwischen den Besatzungszonen der Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg entsteht ein vergessener Landstreifen – der „Freistaat Flaschenhals“. Aus der politischen Isolation heraus entwickeln die Menschen zwischen Lorch und Kaub eine eigenständige Ordnung, voller Einfallsreichtum, Widerstandskraft und Witz. Was als Kuriosum begann, wurde zu einer Lebensform mit eigener Währung, geheimer Logistik und einem ganz eigenen romantischen Geist. Ein vergessenes Kapitel der Rheinregion – klein an Fläche, groß an Bedeutung.

Der Freistaat Flaschenhals – Romantik aus der Not geboren

Die Rheinromantik spiegelt nicht nur Natur, Menschen und die Schönheit dieser Region wider, sondern auch ihre Geschichte. Viele Ereignisse im Mittelrheintal und im Rheingau haben ihre Spuren hinterlassen und sind untrennbar mit dem Geist dieser Landschaft verbunden. Historie kann ebenfalls Teil von Romantik werden.

Romantik wird oft als etwas Schönes, Erhebendes, Bleibendes verstanden. Doch bisweilen entspringt sie auch Momenten, die ursprünglich wenig Romantisches an sich haben, wie die Geschichte des Freistaats Flaschenhals, dessen Entstehung einer Notwendigkeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entsprang.

Der Krieg hatte tiefe Wunden geschlagen. Viele Familien im Rheingau und im Mittelrheintal trauerten um ihre Söhne, die in diesem beispiellosen Konflikt zwischen den Nationen gefallen waren. Auch nach Kriegsende blieb der Rhein im Fokus der alliierten Mächte. Die linksrheinischen Gebiete wurden rasch zwischen Franzosen, Amerikanern und Engländern aufgeteilt – doch bald sollte sich die Besatzung auch auf das rechte Rheinufer ausdehnen.

Im Waffenstillstandsabkommen von 1918 regelten die Siegermächte, wie die Besatzungszonen verteilt werden sollten. Geplant waren sogenannte Brückenköpfe: in Mainz für die Franzosen, in Koblenz für die Amerikaner und in Köln für die Engländer. Um diese Brückenköpfe zog man auf den Karten Kreise mit einem Radius von 30 Kilometern – so sollten die Einflussgebiete klar voneinander abgegrenzt sein.

Was in der Theorie ordentlich aussah, entpuppte sich in der Praxis als Kuriosum: Beim Übertragen dieser Kreise auf die Landkarte blieb ein kleines Stück Land unbesetzt. Dieses Gebiet umfasste am Rhein die Städte Lorch und Kaub und erstreckte sich nach Osten bis nach Strüth und Laufenselden. Den Alliierten fiel bald auf, dass hier ein seltsames „Niemandsland“ entstanden war – ein schmaler Streifen zwischen der französischen und der amerikanischen Zone. Da sich die beiden Kreisgrenzen auf der Karte eng gegenüberstanden, erinnerte die Form des verbliebenen Gebiets an den Hals einer Flasche. So erhielt dieses kleine Stück Land seinen eigentümlichen Namen: „Freistaat Flaschenhals“.

Es entbrannte ein heftiges Ringen darum, wem dieses merkwürdige, unbesetzte Gebiet letztlich zugesprochen werden sollte. Die Franzosen beanspruchten es selbstverständlich für sich und drängten darauf, den kleinen Landstreifen ihrem Besatzungsgebiet zuzuschlagen. Doch sie stießen auf den Widerstand der Amerikaner und Engländer, die verhindern wollten, dass Frankreich noch mehr Einfluss am Rhein gewinnt. Man fürchtete, ein zu starkes Frankreich könne sich erneut als Hegemon in Europa erheben – auch wenn es sich hier nur um ein unscheinbares Stück Land handelte.

Besonders der französische General Jules Henry Mordacq sah in der entstandenen Situation einen schweren Fehler. Die Brückenköpfe, so meinte er, hätten vollständig miteinander verbunden werden müssen. Dass zwischen ihnen ein unkontrolliertes Niemandsland verblieb, bezeichnete er als „Dummheit“, die die Kontrolle über die rechtsrheinischen Gebiete gefährde. Mordacq drängte daher energisch darauf, den sogenannten Flaschenhals dem französischen Besatzungsgebiet zuzuschlagen.

Nachdem das Ringen um den Flaschenhals ergebnislos geblieben war, setzte vor allem die französische Seite auf eine Politik der Isolation. Die Grenzen des Gebiets wurden abgeriegelt, es durften keine Schiffe mehr anlegen und keine Züge im Flaschenhals halten. Der Handel kam zum Erliegen, und der Transport von Lebensmitteln oder lebensnotwendigen Gütern wurde untersagt. Man hoffte, die Bevölkerung so „mürbe“ zu machen, bis sie sich einer der Besatzungsmächte fügen würde.

Doch man hatte die Rechnung ohne die Menschen im Flaschenhals gemacht. Sie waren erfinderisch, zäh und entschlossen, ihre Eigenständigkeit zu bewahren. Bald wurde der Freistaat Flaschenhals zu einem lebendigen Organismus: Die Bewohner akzeptierten ihre Situation und machten das Beste daraus. Es entstanden eigene Organisationsstrukturen, und der Lorcher Bürgermeister Edmund Pniszek wurde zum Sprecher des neuen Freistaats ernannt.

Auch eine eigene Währung wurde eingeführt – Notgeldscheine, die mit humorvollen Motiven und einem Augenzwinkern gestaltet waren. Auf einem prangte der stolze Schriftzug: „Nirgends ist es schöner als im Freistaat Flaschenhals.“ Diese Scheine – etwa die berühmte 50-Pfennig-Note – sind bis heute ein liebevolles Symbol für den Erfindungsgeist jener Zeit.

Ab 1919 entstand so eine kleine Welt in der Welt. Auch wenn diese Geschichte heute beinahe romantisch anmutet, war das Leben im Freistaat alles andere als einfach. Die Menschen mussten sich täglich großen Herausforderungen stellen: Nahrung beschaffen, Brennholz sammeln, Weinbau betreiben – all das unter schwierigen Bedingungen und ständiger Unsicherheit.

Besonders der Schmuggel wurde bald zum wichtigsten Mittel, um das Überleben zu sichern. Trotz großer Risiken wagten sich viele bei Nacht und Nebel über die streng bewachten Grenzen. Die Franzosen hatten überall Warnschilder aufgestellt – Schmuggel sollte hart bestraft werden, im schlimmsten Fall sogar mit dem Tod. Doch die Menschen im Flaschenhals machten aus der Not eine Tugend, der Schmuggel florierte.

Berühmt wurde eine Geschichte aus dem Jahr 1921, einem der besten Weinjahre des Jahrhunderts. Aus Angst, die französische Besatzung könnte die wertvollen Tropfen beschlagnahmen, schmuggelten Winzer aus dem Rheingau in einer Nacht- und Nebelaktion Fass um Fass in den Flaschenhals. So fanden die edlen Weine in diesem kleinen Freistaat einen sicheren Zufluchtsort – verborgen vor der Besatzungsmacht, doch bewahrt für die Geschichte.

Der Freistaat Flaschenhals hatte sich seine eigene kleine Welt geschaffen – oder besser gesagt: die Menschen, die in ihm lebten, hatten sich ihre eigene Ordnung aufgebaut. Doch ringsum ging das Leben im besetzten wie im unbesetzten Deutschland weiter, geprägt von Entbehrung, Unsicherheit und schwerer Arbeit.

Mit dem Friedensvertrag von Versailles kamen harte Jahre auf das Land zu. Die auferlegten Reparationszahlungen belasteten Wirtschaft und Bevölkerung gleichermaßen. Die Besatzungsmächte bestanden auf strikter Erfüllung der Verträge. Den Menschen in Deutschland blieb kaum etwas zum Leben. Hunger, Armut und Hoffnungslosigkeit bestimmten vielerorts den Alltag – auch im Mittelrheintal.

Im Jahr 1923 kam es schließlich zu einer politischen Wendung, die auch das Schicksal des Freistaats Flaschenhals besiegeln sollte. Die Reichsregierung erklärte, man könne die Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag nicht länger in vollem Umfang erfüllen – das eigene Volk müsse wieder Vorrang haben. Die sogenannte Erfüllungspolitik kam damit zum Erliegen. Für die Franzosen war dies ein klarer Vertragsbruch. Sie reagierten mit der Besetzung des bis dahin unberührten Gebiets – und so endete die kurze, aber außergewöhnliche Geschichte des Freistaats Flaschenhals.

Von 1919 bis 1923 hatte dieses kleine Landstück als unbesetzte Enklave existiert – als kurioses Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, das bis heute fasziniert. Offiziell blieb das Gebiet zwar zunächst weiterhin als „unbesetzt“ registriert, doch die symbolische Unabhängigkeit war verloren. In den folgenden Jahren – zwischen 1924 und 1930 – bestand der Freistaat nur noch auf dem Papier, bis schließlich am 30. Juni 1930 die alliierten Truppen endgültig abzogen und die Besatzungszeit am Rhein ihr Ende fand.

Damit schloss sich ein Kapitel über ein Gebiet, das klein an Fläche war, aber groß an Bedeutung – ein Stück Geschichte, das zeigt, wie Mut, Witz und Gemeinschaft selbst in schwierigen Zeiten eine eigene Form von Romantik hervorbringen können.   Arz

Romantik aus dem Archiv: Die Lotsen von Kaub

Vor dem unscheinbaren Haus am Rheinufer in Kaub, das den Lotsen früher als Aufenthalts- und Versammlungsraum diente und heute als Museum für die Touristen Fotos und Modellboote beherbergt, erinnert eine Schaluppe an bessere Zeiten. In einem alten Kauber Kirchenbuch aus dem Jahr 1492 tauchte zum ersten Mal nachweislich die Berufsbezeichnung Steuermann auf, der dann 1844 in die des Lotsen umgewandelt wurde. Das Wort stammt vom englischen „loads man“ oder dem niederländischen „loots man“ – Steuermann – ab. Damit ist nicht der Steuermann gemeint, der zum festen Stamm eines Schiffspersonals gehört, sondern der Lotse, der von einer Station aus zeitweilig das Steuer übernimmt.

Den Kauber Lotsen ging es lange Zeit gut, bot der Rhein zwischen Bingen und St. Goar doch zahlreiche schwer bis sehr schwer passierbare Stellen, die mehr Erfahrung und Wissen erforderten, als einem durchschnittlichen Schiffer zur Verfügung standen. Kaub hatte als Standort der Steuerleute an der „Gebirgsstrecke“ des Rheins (also den Strom hoch in Richtung Basel) schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit 35-45 Männern den größten Bestand an Steuerleuten, während die Standorte Bingen und St. Goar jeweils „nur“ ca. 20 Leute beschäftigten.

Als mein Mann und ich um das Jahr 2000 herum beschlossen, in ein Dorf oberhalb von Kaub zu ziehen, konnten meine Berliner und sonstigen Freunde mit dem Ortsnamen nichts anfangen. „Kaub – nie gehört“, hieß es mit einer Ausnahme immerzu. Die Ausnahme war meine holländische Freundin Astrid, die als Kind in den Sommerferien ihren Rheinschiffer-Onkel begleitet hatte und sich an den Kauber Pegel erinnerte. Und Kaub muss tatsächlich einmal ein sehr lebendiger Ort gewesen sein. Als wir in die Gegend zogen, gab es noch einen Metzger in der Metzgergasse, aber alteingesessene Kauber erinnern sich an vier oder fünf und ebenso viele Bäcker. Der Pegel, die Steuerleute, das Städtchen: Kaub war der perfekte Ort für die Rheinschiffer, sich mit Proviant zu versorgen.

Die Lotsen bildeten Lotsengemeinschaften mit Dachorganisationen, arbeiteten aber als Selbstständige. Manchmal konnten sie mit ihren Schaluppen zu den Schiffen gelangen, aber meist fuhren sie mit Lotsenversetzbooten, die sie an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz ablieferten. Die An- und Abfahrt war durchaus ein logistisches Problem, denn der Ausstieg nach getaner Arbeit fand naturgemäß an einem andern Ort als der Einstieg statt. In früheren Jahrzehnten scheint das Hitchhiken/Trampen ein probates Mittel gewesen zu sein, um wieder nach Hause zu kommen. Offensichtlich wurden die Tramper gerne von Autofahrern mitgenommen; sie waren in der Region bekannt und waren unterhaltsame Fahrgäste, die immer neue Geschichten aus ihrem Berufsalltag beisteuern konnten.

Der Beruf des Lotsen war nie einfach, fand er doch unter freiem Himmel statt und war extrem von Wind und Wetter abhängig. Während wir heute häufig Niedrigwasser beobachten, war in früheren Zeiten das Hochwasser ein ständiger Begleiter der Rheinschifffahrt. In besonders strengen Wintern konnte es auch zum Eisgang auf dem Rhein kommen, der bei längerer Dauer sogar die existenzielle Grundlage der Schiffer – und mit ihnen der Lotsen – gefährdete.

Im März 1876 schrieb eine Zeitung: „Das romantische, in einer Biegung des Rheinstroms gelegene Städtchen Kaub, hat in ganz eigentümlicher Weise leiden müssen. Fünf Monate hielt der Winter den Strom gefangen. Die zahlreichen Kapitäne, Steuerleute, Schiffer und Nächler, welche einen großen Teil der Bevölkerung repräsentieren, hatten gegen ihren Willen allzu lange Ferien. Die ‚Schiffischen‘, wie man hier die ganze Kategorie nennt, gingen schon längst ungeduldig am Ufer umher. Ein ganzes Halbjahr ohne Verdienst macht fleißige Leute nicht munter.“ 1919 war ebenfalls ein hartes Eisjahr, und 1963 fror der Fluss zum letzten Mal zu.

Zu Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts erlebte das Lotsenwesen auf dem Mittelrhein infolge des Rheinausbaus einen Niedergang, der sich auf den Berufsstand der Lotsen katastrophal auswirkte. Viele gingen als Schiffsführer in die Schifffahrt, andere als Arbeiter oder Angestellte in die Industrie oder in andere Dienstleistungsbetriebe. Die Lotsengemeinschaft in Bingen schloss ihre Lotsenstation im Jahr 1983, und auch die Lotsenstation in Kaub zählte 1985 nur noch einen voll tätigen Lotsen und fünf gelegentlich/aushilfsweise arbeitende Rentner. Das geflügelte Wort „Der Lotse geht von Bord“, das auf eine berühmte englische Karikatur über die Demission des Reichskanzlers Otto von Bismarck im Jahr 1890 zurückgeht, war nun in der Welt der Lotsen selbst angekommen.

Literatur: Dr. jur. Wilhelm gen. Will Kimpel: Die Steuerleute und Lotsen auf der Gebirgsstrecke des Mittelrheins mit ihren Stationen in Bingen, Kaub und St. Goar. 2. Aufl.: Offsetdruckerei Jäger GmbH, 55496 Argenthal.

Susanne Enderwitz